30. August 2002 · Quelle: do.di

Wir campen uns queer

Nach zwei Jahren the­o­retis­ch­er Auseinan­der­set­zung und Vor­bere­itung fand vom 3. bis 11. August in Cot­tbus das Crossover-Sum­mer­camp statt. Vom strö­mungsüber­greifend­en Ansatz her sich­er das am weitesten gehende der
unzäh­li­gen Polit­camps dieses Som­mers. Schließlich ist der Leit­satz der Crossover-Bewe­gung, dass „all die ver­schiede­nen gesellschaftlichen Macht- und Herrschaftsver­hält­nisse untrennbar miteinan­der verknüpft sind und sich wech­sel­seit­ig durch­drin­gen und oft sta­bil­isieren.“ So stand es im Aufruf für das Camp in Cot­tbus, so stand es im Aufruf für die vor­bere­i­t­ende crossover-con­fer­ence in Bre­men (Jan­u­ar 2002) und so war
und ist es auf Fly­ern, in Tex­ten … immer wieder zu lesen. Als Ziel wird dabei for­muliert, „zum Auf­bau ein­er neuen Kon­stel­la­tion poli­tis­ch­er Strö­mungen beizu­tra­gen.“ Und das meint vor allem, dass neben den in den drei etablierten Haupt­strö­mungen Anti­ras­sis­mus, Antifaschis­mus und
Antikap­i­tal­is­mus auch anti­sex­is­tis­che Posi­tio­nen einen höheren Stel­len­wert in link­er Debat­te und Prax­is bekom­men sollen, und zwar nicht nur als Lip­pen­beken­nt­nis. Denn: „Wir wollen ein Ende der Dom­i­nanz der het­ero­sex­uellen Kul­tur in der radikalen Linken.“ Soweit der Anspruch. Und was bracht­en die Tage in Cot­tbus? Der größte Erfolg ist wohl
banaler­weise, dass das Camp über­haupt stattge­fun­den hat. Das ist ver­glichen mit dem for­mulierten Eige­nanspruch des Camps nicht viel, doch in Zeit­en, in denen Machis­mo und Mack­erge­habe in der Linken weit­er­hin unre­flek­tiert und unkri­tisiert durchge­hen, ist das Stat­tfind­en immer­hin
mit „Immer­hin“ zu bew­erten.

Aber da sind wir schon bei der Kri­tik: Nach Cot­tbus dürfte klar sein, dass das Konzept der vie­len Som­mer­camps, bei dem sich jede/r den The­men­schw­er­punkt und die Leute seiner/ihrer Wahl aus­suchen kann, gescheit­ert ist. Die Gren­z­camps in Jena (250 Leute) und Ham­burg ( …)
sowie das Crossover-Camp in Cot­tbus (150) zeigen, dass es zwar schön ist, mit 150–250 Leuten im Wesentlichen ein­er Mei­n­ung zu sein, der geforderten und drin­gend nöti­gen Auseinan­der­set­zung um Stand­punk­te dabei aber lock­er aus dem Weg gegan­gen wer­den kann. Wurde nach heftiger
Auseinan­der­set­zung auf dem Gren­z­camp 2001 in Frank­furt und der crossover-con­fer­ence in Bre­men mit mehr als 500 Teil­nehmerIn­nen noch klar die Fort­set­zung der Debat­te und Über­tra­gung in eine poli­tis­che Prax­is gefordert, kon­nte Cot­tbus diesem Anspruch nicht gerecht wer­den.

Dementsprechend har­monisch war die Woche in Cot­tbus. Nicht, dass ich etwas gegen Har­monie hätte, für ein poli­tis­ches Camp, das sich an der Verknüp­fung link­er The­men wie z.B. Ras­sis­mus messen lassen will, war es dann doch etwas zu ruhig. Und für eine Woche Som­merurlaub hätte sich
sich­er ein lauschigeres Plätzchen gefun­den. Ganz offen­sichtlich gab es auf dem Camp keinen Kon­sens darüber, wie man/ frau gegen den ras­sis­tis­chen All­t­ag vor Ort, zu dem im Übri­gen ein Nazi-Über­fall auf einen Kubaner am Tag vor der Camperöff­nung zählt, vorge­hen kann. Zum
einen dauerte es fünf Tage, ehe sich über­haupt ein paar Leute zusam­men­fan­den, die eine Aktion gegen den Über­fall planten. Da sich die Faschos in Cot­tbus und Umge­bung bevorzugt Tankstellen als Tre­ff­punkt suchen und auch der Über­fall auf den Kubaner an ein­er solchen geschah,
war der Aktion­sort rel­a­tiv bald klar. Mit welchen Ansprüchen Leute nach Cot­tbus gereist waren, zeigte sich dann aber auf einem sieben(!)stündigen Plenum. Da die Mehrheit der Teil­nehmerIn­nen schein­bar in rel­a­tiv nazi-freien Gegen­den wohnt und sich schein­bar auch nicht im
Klaren darüber war, dass linke Präsenz in Cot­tbus auch heißen muss, sich mit den Men­schen zu sol­i­darisieren, die jede Woche in Gegen­den wie diesen ange­grif­f­en wer­den, war eine wesentliche Devise, die Nazis auf keinen Fall zu provozieren und sich mit der Bullerei gut zu stellen.
Schließlich sei es wichtiger, einem Angriff auf das Camp zu entkom­men.

Wahrschein­lich haben viele erst­mals gemerkt, was es heißt, als Migrant/Linker/Homosexueller usw. täglich in soge­nan­nten “Nation­al befre­it­en Zonen” zu leben Ein ziem­lich zynis­ches Ver­hal­ten, schließlich haben die Opfer ras­sis­tis­ch­er Gewalt meist nicht diese Wahl.

Als dann aber doch die wichtig­sten Facts der Aktion an der Nazi-Tanke aus­ge­tauscht wur­den, sich eine Mehrheit auf dem Plenum dafür begeis­tern ließ und der Rest zumin­d­est nicht dage­gen stim­men wollte, machte ein Veto das Chaos per­fekt. Offen­sichtlich hat­te sich nie­mand auf dem Plenum mit der Kon­se­quenz eines Vetos auseinan­derge­set­zt und die Mod­er­a­torIn­nen nur danach gefragt „weil das halt so üblich ist.“ Obwohl nach immer­hin jet­zt schon vier­stündi­gem Plenum die Stim­mung immer gereizter wurde und viele sauer waren, ver­sicherten sich alle, dass ein Veto ein Veto ist und die Aktion keines­falls an dem vorge­se­henen Tag (an dem auch das
Plenum war) stat­tfind­en darf. Über das offen­sichtliche Machtin­stru­ment „Veto“ und dem Ein­fluss ein­er Per­son über die Inter­essen des gesamten Camps wurde nicht disku­tiert.

Allerd­ings zeigte schon der­selbe Abend, wie ernst das Camp die auf dem eige­nen Plenum ver­ab­schiede­ten Beschlüsse nahm. Auf eine Anfrage der Antifa aus dem 30 Kilo­me­ter ent­fer­n­ten Guben nach ein­er Tankstel­lenbe­set­zung, dem Tre­ff­punkt der örtlichen Nazis, fol­gten genau die 70 Leute, die sich zuvor auf dem Plenum für eine Tanken-Aktion in Cot­tbus aus­ge­sprochen hat­ten. Schließlich hat­te es auf dem Plenum ja
nicht expliz­it ein Veto gegen eine Aktion in Guben gegeben. So schnell kann man/ frau die eige­nen Entschei­dungsstruk­turen umge­hen und damit der
Lächer­lichkeit preis­geben. Let­ztlich war die Aktion in Guben aber als Ven­til für das Kli­ma auf dem Camp wichtig, zu viel Frust hat­te sich zuvor ange­sam­melt und es ist schon erstaunlich, wie schnell sich durch ein halb­wegs erfol­gre­ich­es gemein­sames Auftreten das Zusam­menge­hörigkeits­ge­fühl wieder kit­ten lässt.

Und die Aktion war wichtig für den Umgang mit der Bullerei: Kamen diese bis dato jeden Mor­gen über­fre­undlich auf das Camp und woll­ten sog­ar mit einem Zivi-Wagen über das Camp fahren, um „den Leuten hier ein Gefühl von Sicher­heit zu geben“, waren an dem Tag nach Guben klar, dass sich
auf der Wiese am Rand von Cot­tbus kein Pfandfind­er­lager mit Hip­pies befind­et, son­dern dass es um die Ver­mit­tlung von Inhal­ten geht, was natür­lich eine Kri­tik an der gesellschaftlichen Exeku­tive ein­schließt. Schlimm nur, dass das erst am drit­tlet­zten Tag gelang, wie über­haupt zu
kon­sta­tieren ist, dass die Mehrheit der Campbe­sucherIn­nen erstaunlich uner­fahren und ängstlich im Umgang mit der Bullerei war. So reichte die Ver­mu­tung, dass sich nach 15 Minuten Aktion in Guben die Cot­tbusser Bullerei auf die Beine macht, um Hals über Kopf abzuhauen und Guben­er
Antifa-Kids zurück­zu­lassen, denen klar war, dass sie noch am sel­ben Abend Prügel zu erwarten hat­ten. Der Anteil von 75 % weib­lich kon­stru­ierten Men­schen kann dafür nicht ver­ant­wortlich gemacht wer­den. Vielmehr war der Umgang mit der Bullerei auf dem Camp lange Zeit kein The­ma und so wurde auch nicht darüber nachgedacht, wie die Ver­mit­tlung
von anti­re­pres­sivem Ver­hal­ten in einem Work­shop o.ä. ausse­hen kann.

Doch das Camp war nicht nur zum Meck­ern, wie das bish­er Geschriebene auch nicht ver­standen wer­den soll. Schließlich ging es ja den Vor­bere­i­t­erIn­nen um Selb­stre­flex­ion und das Auf­brechen von Geschlechterkon­struk­tio­nen. Und das bish­er Beschriebene zeigt ja nur, dass selb­st die dekon­struk­tivis­tis­chen Teile der linken immer wieder in
Rol­len­ver­hal­ten ver­fall­en und sich Struk­turen bedi­enen, die sie eigentlich abschaf­fen wollen. So kön­nte auch das Auftreten von so etwas wie „pos­i­tivem Sex­is­mus“ inter­pretiert wer­den. Dieser Begriff ist dem des „pos­i­tiv­en Ras­sis­mus“ angelehnt, wonach Men­schen in bes­timmte
Ver­hal­tens­muster gedrängt wer­den, die ange­blich kul­turell begrün­det und für pos­i­tiv erachtet wer­den, wie der Dön­er-Türke oder der gut kochende Chi­nese. In der Linken führte das vor allem in anti­ras­sis­tis­chen Kreisen dazu, dass nicht mehr zwis­chen „Arschloch“ und „Nicht-Arschloch“
unter­schieden wurde, son­dern die Bew­er­tung von Ver­hal­ten mit der Haut­farbe zwis­chen gut und schlecht vari­ierte. Ich weiß nicht, ob man diese Begrif­flichkeit auf Sex­is­mus und sex­u­al­isiertes Ver­hal­ten über­tra­gen kann, finde aber schon, dass Ver­hal­ten nicht-het­ero-sex­ueller Men­schen eben­so kri­tisiert gehört wie das von Het­eros oder –as. Und wenn
es auf dem Camp um den Abbau von Dom­i­nanzstruk­turen gehen soll, muss es auch um diese Struk­turen in sex­uellen oder son­sti­gen Beziehun­gen gehen. Nur gibt es schein­bar den Kon­sens, gle­ichgeschlechtliche Paare deswe­gen nicht zu kri­tisieren, während ohne Zweifel (und völ­lig richtig) ein Mann vom Camp fliegt, der sich sein­er Fre­undin gegenüber ähn­lich dom­i­nant ver­hält wie es vor allem bei Les­ben-Paaren zu beobacht­en war. Da klaf­fen Anspruch und Wirk­lichkeit noch weit auseinan­der.

Dass solch­es Ver­hal­ten nicht öffentlich disku­tiert wurde, lag u.a. auch an der wieder­holten Selb­st­bestä­ti­gung, wie har­monisch das Camp doch sei und an ein­er Art selb­staufer­legtem Tabu, die Har­monie nicht zu brechen.
Dabei geht es gar nicht darum, das Def­i­n­i­tion­srecht der Frau von sex­is­tis­chem Ver­hal­ten und alle damit ver­bun­de­nen Rechte zur Über­win­dung patri­ar­chaler Struk­turen in Frage zu stellen. Über die Notwendigkeit dieser Rechte dürfte in emanzi­pa­tiv­en Kreisen ohne­hin keine Diskus­sion
beste­hen. Nur geht die Umset­zung an der Sache vor­bei, wenn dieses Recht in einem Kli­ma der Unsicher­heit und Angst durchge­set­zt wird. Ein Beispiel: Am vor­let­zten Camp­tag wurde ein Mann kurz nach sein­er Anreisewe­gen eines sex­is­tis­chen Über­griffes aus der Ver­gan­gen­heit vom Camp
gewor­fen. Als Gremien, die diesen Rauswurf durch­set­zten, hat­ten sich schon vorher eine Män­ner- und eine Frauen-Les­ben-Gruppe gebildet. Als dieser Vor­fall auf dem Abschlussplenum dargestellt wurde, gab es keine
Nach­fra­gen, was eine Mod­er­a­torin zu dem Schluss kom­men ließ, das Camp komme seinem Anspruch in anti-sex­is­tis­chem Ver­hal­ten sehr nahe, auf anderen Camps wäre so ein Rauswurf schließlich nicht so ohne weit­ere und möglicher­weise ver­let­zende Nach­fra­gen durchge­gan­gen. Nur hat­te sie dabei
überse­hen, dass es im Plenum schon ein gesteigertes Inter­esse an den Details gab, was auch die nach Plenum­sende begin­nende Diskus­sion in Kle­in­grup­pen bewies. Was die Leute am Fra­gen hin­derte war einzig die Angst vor einem Fet­tnäpfchen und der fol­gen­den Anpisse.

Was bleibt von Cot­tbus ist also die Ein­sicht, dass auch die
Crossover-Bewe­gung nach so hoff­nungsvollen let­zten zwölf Monat­en immer wieder in die eige­nen Wider­sprüche ver­fällt. Das ist nicht ver­wun­der­lich in ein­er Linken, die am Beispiel Israel deut­lich macht, dass es oft vielmehr um eigene Pro­fil­ierung und Machter­halt geht als um die Analyse
und Über­win­dung von Machtver­hält­nis­sen. Zuver­sichtlich stimmt, dass es in Cot­tbus tat­säch­lich Ansätze ein­er strö­mungsüber­greifend­en und dekon­struk­tivis­tis­chen Prax­is gibt, was die let­ztlich dann doch durchge­führte Tanken-Beset­zung in Cot­tbus beweist oder eine Aktion zum
The­ma Geschlechter­normierung, Zweigeschlechtlichkeit, Het­ero­sex­is­mus und Schön­heit­side­al, bei der in den Mod­ekaufhäusern „Klei­dungsstücke jew­eils von der einen in die andere Abteilung getra­gen wur­den, um auf die
Normierung von Men­schen durch geschlecht­spez­i­fis­che Klei­dung aufmerk­sam zu machen. Desweit­eren haben sich die AktivistIn­nen ent­ge­gen der herrschen­den Geschlechts- und Klei­derord­nung in den Geschäften umge­zo­gen und für einige Ver­wirrung gesorgt,“ wie es in der Pressemit­teilung vom
Camp heißt.

Ob es eine Zukun­ft für Crossover gibt und wie diese aussieht, ist zurzeit schw­er zu sagen. Das Inter­esse vor allem von jun­gen Leuten hat die con­fer­ence in Bre­men und mit Abstrichen auch das Camp gezeigt, dass viele „poli­tik­er­fahrene“ Alt-Linke das The­ma noch immer als Kinderkram abtun, allerd­ings auch.

do.di

(Infori­ot) Dieser Text wurde von eini­gen Teil­nehmerIn­nen des Crossover Sum­mer­camps aus Leipzig geschrieben. Es ist der zweite auswer­tende Text der uns vor­liegt, hier kannst Du den ersten nach­le­sen. Des weit­eren gibt es noch ganz frisch Audio-Dateien, die Aktio­nen und das Camp an sich doku­men­tieren sowie den Aufruf, Mate­r­i­al und eine ganze Menge Berichte vom Camp.

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