4. März 2002 · Quelle: Berliner Morgenpost

Wir hörten die Frauen weinen”

Klein­mach­now — Nicht alle der Namen sind uns gle­ich ver­traut: Da sind Warschau und Ravens­brück, da sind aber auch Pruszków und die Dreilin­den Maschi­nen­bau GmbH (DLMG). Eines haben sie gemein­sam: Sie sind sie alle Orte des Grauen und des Todes — Etap­pen des Lei­densweges von Wan­da Zatryb. Nach­dem der Auf­s­tand im Warschauer Ghet­to im August 1944 niedergeschla­gen war, wurde die junge Polin deportiert und mit rund 800 anderen pol­nis­chen Frauen vor den Toren Berlins kaserniert. Jet­zt, da auch die let­zten Män­ner für den «End­sieg» an die Front gezwun­gen wur­den, mussten sie in die Maschi­nen­fab­rik nach Klein­mach­now. Die Fir­ma wurde zur KZ-Außen­stelle.

Als Tochterun­ternehmen der Bosch-AG war sie maßge­blich an der Rüs­tung­spro­duk­tion beteiligt. Bis­lang war über den Betrieb und das KZ-Außen­lager in Klein­mach­now wenig bekan­nt, obwohl er bis Kriegsende rund 400 000 Quadrat­meter Liegen­schaften in Klein­mach­now besaß und seit 1935 rund 5000 Men­schen beschäftigte; die meis­ten waren aus­ländis­che Zwangsar­beit­er.

Nach fast sechzig Jahren kann die Erin­nerungslücke nun geschlossen wer­den. Die Berlin­er Jour­nal­istin Angela Mar­tin hat Leben und Arbeit in den Dreilin­den­werken erforscht. Titel des Buch­es: «Ich sah den Namen Bosch» erschienen im Metropol Ver­lag Berlin.

«In Klein­mach­now haben wir einen Beu­tel bekom­men. Darin haben wir alles auf­be­wahrt, was wir hat­ten: Zahn­bürste, Zah­n­pas­ta, Kamm und Brot. Der Men­sch war eine Num­mer mit einem Beu­tel», berichtet Wan­da Zatryb. Bere­its den Weg nach Klein­mach­now hät­ten viele Frauen nicht über­lebt. «Einige sind während der Appelle gestor­ben, die Toten sind ein­fach neben uns gelegt wor­den, nur damit die Zahl stimmt.»

Was die Geschichte des Werkes ange­ht, prangt auf den meis­ten Lage­plä­nen und Akten der Stem­pel «Staats­ge­heim­nis». Für den Rüs­tungs­be­trieb, der dem Reich­sluft­fahrt­min­is­teri­um unter­stand, gal­ten strenge Geheimhal­tungsvorschriften. Nach Hitlers Machtüber­nahme sollte Robert Bosch eine soge­nan­nte «Schat­ten­fab­rik» erricht­en. Ein im Wald gele­genes Are­al wurde den Erben der Klein­mach­now­er Hake-Fam­i­lie abgekauft. Es war ide­al, weil durch dicht­en Baumbe­stand vor Fliegeran­grif­f­en gut geschützt. Außer­dem befand es sich in der Nähe ein­er anderen «Schat­ten­fab­rik», der Daim­ler-Benz Motoren GmbH in Gen­sha­gen bei Lud­wigs­felde. In Klein­mach­now stellte man Flugzeug­mo­torenteile her.

Was es an Akten zur DLMG gab, befand sich in Klein­mach­now. Kurz vor der rus­sis­chen Besatzung haben offen­bar Angestellte der DLMG noch ver­sucht, einen Teil zu ver­nicht­en. Das Bosch-Archiv habe lei­der keine Akten zur DLMG, so die Auskun­ft aus der Zen­trale des Stuttgarter Unternehmens. Bei der Recherche halfen der Autorin, die in der Berlin­er Geschichtswerk­statt aktiv ist, der Zehlen­dor­fer Hob­by­his­torik­er Rudolf Mach und der Archivars des Klein­mach­now­er Heimatvere­ins, Gün­ter Käbel­mann. Auch sie hat­ten sich mehrmals an den Konz­ern gewandt und wenig Hil­fe erhal­ten. So befasst sich Mach seit rund vier Jahren inten­siv mit den Dreilin­den­werken. Angela Mar­tin gelang es, in Polen Über­lebende des KZ-Außen­lagers Klein­mach­now aus­find­ig zu machen. Mit rund 50 Frauen kon­nte sie sprechen. «Wir sind alt und Monat für Monat wer­den wir weniger», mah­nte Bar­bara Beroud, eine der Befragten.

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