21. September 2004 · Quelle: LR

Wir kämpfen heute für mehr Party”

Last­wa­gen mit laut­stark­er Musik fuhren am Sam­stag durch die Cot­tbuser
Innen­stadt, darauf tanzende Men­schen, begleit­et von knapp 200
Jugendlichen. Ein­ge­laden hat­ten die Betreiber der Diskothek “Schall­w­erk”
– zu ein­er Demon­stra­tion unter dem Mot­to “Jugend ist Zukun­ft – Zukun­ft
ist Jugend” .

Sam­sta­gnach­mit­tag, 15 Uhr, am Cot­tbuser Bus­bahn­hof tre­f­fen sie sich –
junge Leute und neugierige Zuschauer. Vor einem Last­wa­gen hängt ein Tuch
mit der Auf­schrift: “Für eine starke und selb­st­bes­timmte Jugend­kul­tur!”
Ein klein­er Junge mit gel­ben Ohrstöpseln ste­ht neben sein­er Mut­ter am
Straßen­rand und beobachtet die Tanzen­den auf den Fahrzeu­gen. Zu den
Demon­stran­ten gehört Mandy Koschan (25), Bürokauf­frau aus Cot­tbus, die
gemein­sam mit ihren Fre­undin­nen zum Bus­bahn­hof gekom­men ist. “Wir wer­den
ein Stück mit­laufen” , sagt sie, “wir find­en, in der Stadt muss mehr für
die Jugend getan wer­den.” Als ein­er der neugieri­gen Zuschauer offen­bart
sich Detlef Krisch (44), Mas­chin­ist: “Ich wohne um die Ecke, habe auch
zwei Kinder, ein­er 22, der andere 16 Jahre alt. Darum hege ich Sym­pa­thie
für die Demon­stran­ten.” Maik Diepold (28), Ver­sicherungsvertreter,
erk­lärt: “Ich bin zwar erst im Feb­ru­ar nach Cot­tbus gezo­gen, aber die
Demo inter­essiert mich. Schließlich halte ich es für wichtig, dass
Häuser wie das ‚Schall­w­erk” beste­hen bleiben, dass die Stadt Rück­sicht
auf die Jugendlichen nimmt – nur so kön­nen die Gen­er­a­tio­nen miteinan­der
in Verbindung bleiben.”

Gegen 16 Uhr fahren die Last­wa­gen los. Über die Straße der Jugend, die
Karl-Liebknecht-Straße, rechts ab durch die Bahn­hof­s­traße und
let­z­tendlich in die Berlin­er Straße bis zum Oberkirch­platz bewegt sich
der Demon­stra­tionszug. Auf einem der Wagen sitzt ein junger Mann auf
einem Sofa, vor sich zwei Box­en, aus denen laute Tech­nobässe schwin­gen.
Skep­tisch beäugt ein älteres Ehep­aar, das an der Straßen­bahn­hal­testelle
sitzt, die Jugendlichen. “Ist mir zu laut” , sagt der Mann, Bernd
Schwarz­er, ein Diplomin­ge­nieur aus Guben, und verzieht miss­bil­li­gend das
Gesicht. Umso mehr hält Flo­ri­an Mat­ter (20), Elek­troin­stal­la­teur, von
der Kundge­bung: “Wir kämpfen für mehr Par­ty, da ist in Cot­tbus zu wenig
los. Die Jugend­kul­tur sollte mehr Gewicht bekom­men, aber die Behör­den
stellen sich oft dage­gen.” Leicht skep­tisch, aber auch inter­essiert
schaut ein Mann in der Straße der Jugend aus dem Fen­ster, ein Kissen
unter den Armen – und nebe­nan ste­hen Mitar­beit­er der Spiel­bank “Jok­ers
Place” vor ihrem Ein­gang: Was ist denn hier los?

Mit seinem Fotoap­pa­rat begleit­et Jörn Mey­er von der Cot­tbuser
Jugend­hil­fe die Demon­stran­ten. Er schießt Fotos für sein Pri­vatarchiv.
“Ich habe grund­sät­zlich etwas übrig für Jugendliche, die ver­suchen,
selb­st was in die Hand zu nehmen. Eine ‚Love Parade” in Cot­tbus ist doch
eine schöne Sache.” Etwas anders sieht es ein­er der Organ­isatoren,
Thomas Bulows­ki, der geschäftig über den Oberkirch­platz läuft, als die
Menge dort vor der Bühne eingetrof­fen ist. “Es ging uns nicht darum,
eine ‚Love Parade” in Cot­tbus auf die Beine zu stellen, auch nicht
darum, 10 000 Leute auf die Straße zu bekom­men, son­dern darum, auf uns
aufmerk­sam zu machen – deshalb sind wir mit der Res­o­nanz zufrieden.”
Bevor Bands und Diskjock­eys aus der Region die Bühne betreten, find­et
eine kurze Gespräch­srunde mit drei Vertretern aus Poli­tik und Wirtschaft
statt: dem CDU-Land­tagskan­di­dat­en Stef­fen Komann, der
SPD-Land­tagskan­di­datin Mar­ti­na Münch und Knut Deutsch­er,
Haupt­geschäfts­führer der Handw­erk­skam­mer Cot­tbus. Deutsch­er nimmt Bezug
auf ein Plakat der Gew­erkschaft “Ver­di” , zu sehen neben der Bühne:
“Wenn ich dort lese ‚Her mit dem schö­nen Leben” – da habt ihr ja recht,
aber dafür muss man auch was tun.” Stef­fen Komann sagt: “Dass Jugend
hier eine Zukun­ft hat, bedeutet, dass Jugend hier eine Arbeit hat. Die
Poli­tik selb­st kann keine Arbeit­splätze schaf­fen, nur die
Rah­menbe­din­gun­gen dafür.” Und Mar­ti­na Münch erk­lärt: “Ich finde es gut,
dass ihr für eure Inter­essen hier ste­ht. Kul­tur umfasst viel mehr als
die Hochkul­tur, dazu gehören auch die Klubs. Ich nenne das Beispiel
“Schall­w­erk”: Wenn sich alle Beteiligten an einen Tisch set­zen, kön­nen
sie auch was bewe­gen.”

Aus der Menge ruft ein Zuschauer: “Blah, blah, blah.” Die Reak­tion von
Mar­ti­na Münch: “Nichts blah-blah-blah, es ist so. Wir müssen miteinan­der
reden.”

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