26. Februar 2005 · Quelle: ND

»Wir machen das nicht für die Bullen, wir machen das für alle«

Während SPD und Union weit­er um den Umgang mit der NPD stre­it­en,
doku­men­tieren Antifaschis­ten seit Jahren aus­führlich die Struk­turen der
Recht­sradikalen. Dabei leis­ten sie oft Arbeit, die eigentlich von
staatlich­er Seite zu erwarten wäre.
»Die fühlen sich beobachtet«, sagt Thomas Ernst vom »Antifaschis­tis­chen
Autorenkollek­tiv«. Er hat im Jan­u­ar den Jahres­rück­blick
»Recht­sex­trem­is­mus
im Havel­land« 2004 her­aus­gegeben. Ernst meint die Mit­glieder des
»Hauptvolks« und der »Nationalen Bewe­gung Rathenow«, den bei­den wohl
bedeu­tend­sten Neon­azi-Vere­ini­gun­gen im bran­den­bur­gis­chen Land­kreis
West­havel­land.

Die dürften allen Grund haben, sich beobachtet zu fühlen: rund 100
wer­den in
dem Rück­blick namentlich aufge­führt, die Ver­strick­un­gen der
ver­schiede­nen
Kam­er­ad­schaften und Grup­pierun­gen schema­tisch dargestellt.
Recht­sradikale
wer­den auf Fotos abge­bildet, ihre Tre­ff­punk­te gezeigt und
nachvol­l­zo­gen, wie
die Recht­en in den heimis­chen Fußbal­lk­lubs vertreten sind oder als Fans
in
die Sta­di­en ziehen. Auch ihre Ver­suche, sich an den
Mon­tags­demon­stra­tio­nen
in Rathenow oder in Bran­den­burg zu beteili­gen, wer­den doku­men­tiert.
Ein­schlägige Inter­net­seit­en und ‑foren wer­den vorgestellt und kurz
analysiert.

»Am Sam­stag, dem 8. Mai 2004, wur­den 166 Aufk­le­ber der ›Meck­len­burg­er
Aktions­front‹ mit dem Motiv ›8.Mai 1945 – Befreiung?‹ in Rathenow
ent­fer­nt.«
Seit­en­lang wird im Anhang des Berichts akribisch aufgezählt, an welchem
Ort
neon­azis­tis­che Aufk­le­ber ent­fer­nt wur­den. Oder wo im bran­den­bur­gis­chen
Land­tagswahlkampf Wahlplakate der DVU oder NPD hin­gen, in welchen
Straßen
Post­wurf­sendun­gen der Recht­en zu find­en waren. Die Pedan­terie, mit der
die
recht­en Aktiv­itäten im All­t­ag und in Wahlkampfzeit­en doku­men­tiert
wer­den,
ist erstaunlich.

Seit 1997 gibt das Autorenkollek­tiv den Jahres­rück­blick her­aus. Der
erste
hat­te ger­ade ein­mal drei Seit­en. Der aktuelle umfasst 77 Seit­en und
find­et
sich auss­chließlich im Inter­net; so kann er in Farbe mit vie­len Fotos,
Bildern und Info­grafiken erscheinen, ohne auf Druck­kosten acht­en zu
müssen.
Rund 15 Leuten arbeit­en am Sam­meln der Mate­ri­alen mit; es ist ihnen
mit­tler­weile zur Rou­tine gewor­den, Buch zu führen über abgeris­sene
Aufk­le­ber
und erfol­gre­ich zer­störte Plakate.
»Eigentlich erledi­gen wir die Arbeit des Ver­fas­sungss­chutzes«, meint
Ernst,
»aber wir machen das nicht für die Bullen, son­dern für alle.« Nie­mand
solle
sagen kön­nen, er hätte von nichts gewusst. Doch sei es ein
Armut­szeug­nis für
die Polizei, dass sie, die Antifas, so etwas machen müssten. Aber in
Rathenow hüll­ten sich die Offiziellen über rechte Aktiv­ität meist in
Schweigen und die Polizei bagatel­lisiert Über­griffe von Neon­azis,
erk­lärt
Ernst. Deswe­gen sei ihre Berichter­stat­tung uner­lässlich.
Über­re­gionales Auf­se­hen erregte der Fall der Secu­ri­ty Fir­ma Zarnikow,
die
unter anderem das Rathenow­er Flüchtling­sheim bewachte. In
Zusam­me­nar­beit mit
Bewohn­ern des Heims berichtete das Autorenkollek­tiv seit 1999 darüber,
dass
die Fir­ma Recht­sradikale beschäftigte. Erst Ende 2002, als das
Nachricht­en­magazin »Focus« den Fall pub­lizierte, wurde der Ver­trag mit
der
Fir­ma gekündigt. Dabei wurde auch bekan­nt, dass der Ver­fas­sungss­chutz
des
Lan­des Bran­den­burg schon länger über die recht­en Secu­ri­ty-Mitar­beit­er
informiert war. Zuvor hat­ten die Arbeit­er­wohlfahrt, als Betreiber des
Heims,
und die zuständi­gen Behör­den jahre­lang die Vor­würfe des
Autorenkollek­tivs
abgestrit­ten.

Die Ver­fas­sungss­chützer stufen das Autorenkollek­tiv als »extrem­istisch«
ein.
In der Logik der »Mitte« wer­den Linke wie Rechte unter dem­sel­ben Label
geführt; eine Unter­schei­dung zwis­chen emanzi­pa­torisch­er Poli­tik und
Faschis­mus find­et nicht statt. Dass dieser Ansatz in eine Sack­gasse
führt,
belegt die derzeit­ige Hek­tik im Vor­feld des 60. Jahrestages der
Befreiung
über den Umgang mit der NPD. Hil­f­los erscheint die neuer­liche Debat­te
über
eine Neuau­flage des Parteiver­bots oder die Ein­schränkung des
Demon­stra­tionsrechts.

Immer­hin zollt der Ver­fas­sungss­chutz dem Jahres­rück­blick Respekt.
»Derzeit
hat die zahlen­mäßig starke recht­sex­trem­istis­che Szene der Region«,
schrieb
er 2003, »der örtlichen Antifa pub­lizis­tisch nichts ent­ge­gen­zuset­zen.«

ag-westhavelland.info.ms

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