19. April 2009 · Quelle: Antifa Westhavelland

Wird Rathenow ein Wallfahrtsort für (Neo)nazis?

(Neo)nazis marschierten einmal mehr in der havelländischen Kleinstadt auf / Protestbekundungen am Rande

Am gestri­gen Sam­stag jährte sich zum 65. mal der Jahrestag des einzi­gen größeren alli­ierten Luftan­griffs auf Rathenow während des zweit­en Weltkriegs, bei dem unge­fähr 54 Men­schen im Zuge der Bom­bardierung der regionalen Rüs­tungs­be­triebe, vor allem der ARADO Kampf­bomber­pro­duk­tion im Ort­steil Hei­de­feld, ums Leben kamen und nun vom regionalen (neo)nazistischen Milieu als exem­plar­isch­er “Beweis” für “alli­ierte Kriegsver­brechen” zur Rel­a­tivierung der nation­al­sozial­is­tis­chen Schand­tat­en miss­braucht wer­den.

Auf dem Dunck­er­platz, unmit­tel­bar  vor dem Rathenow­er Haupt­bahn­hof und in Blick­weite eines vom Aktions­bünd­nis “Rathenow zeigt Flagge” ange­bracht­en Großflächen­ban­ners mit der Auf­schrift “Bet­teln und Hausieren ver­boten! — Nazis Raus”, fan­den sich deshalb gestern 140 (Neo)nazis ein um den so genan­nten “alli­ierten Bomben­ter­ror” unter dem Mot­to “65 Jahren in Trä­nen” zu “gedenken”. Nach ein­er kurzen Auf­tak­tkundge­bung, bei der eine (Neo)naziaktivistin aus Nauen einen kurzen Rede­beitrag hielt, zog der über­wiegend schwarz gek­lei­dete “Trauer­marsch” in mil­itärähn­lich­er For­ma­tion, unter­heilt in einzelne Blöcke mit dreier und vier­er Rei­hen und begleit­et von, ähn­lich wie bei ver­gle­ich­baren Aufmärschen in Magde­burg und Dres­den, aus einem “Laut­sprecher­wa­gen” abge­spiel­ten klas­sis­chen Musik über den Friedrich Ebert Ring und die Fontanes­traße zu einem Denkmal des “Bun­des der Ver­triebe­nen” (BdV) im Fontanepark.

Hier hielt der havel­ländis­che NPD Kreistagsab­ge­ord­nete und derzeit­iger Vor­sitzende des NPD Stadtver­band Rathenow, Dieter Brose, einen ersten Rede­beitrag in dem er die so genan­nten “Ver­brechen” der Alli­ierten anprangerte und sich über die Demon­stra­tionsaufla­gen der Ver­samm­lungs­be­hörde echauffierte. Scharf griff Brose auch mit den Worten: “Schande auf die Funk­tionäre des  Bund der Ver­triebe­nen” den BdV an, da dieser sich von den Aktio­nen der NPD dis­tanzierte.

Eine am Denkmal ursprünglich geplante Kranznieder­legung wurde den (Neo)nazis durch die Absper­rung des Objek­tes mit Bauza­un ver­wehrt.

Nach ein­er Schweigeminute marschierten die (Neo)nazis, unter, mit Slo­gans wie “Nazis raus” oder “Bunt statt Braun” bedruck­ten und an Straßen­lam­p­en ange­bracht­en, Plakat­en, die zusät­zlich mit Bän­dern in den Far­ben Rot und Blau als Zeichen des Wider­standes aus­geschmückt waren, durch die Forststraße, die Goethes­traße und vor­bei an den laut­starken Protest­bekun­dun­gen der unge­fähr 150, von einem mas­siv­en Polizeiaufge­bot bedrängten und hin­ter Absper­rzäunen ver­frachteten, Gegendemonstrant_innen auf dem Märkischen Platz, die Berlin­er Straße zum Post­platz.

Hier stellte sich der Demon­stra­tionszug im Hal­bkreis vor der Haupt­post auf, um eine weit­ere Zwis­chenkundge­bung durchzuführen. Zwar war dieser Ort nur als Ersatz für die durch die Ver­samm­lungs­be­hörde unter­sagte Ver­anstal­tung auf dem Wein­bergfried­hof fest­gelegt wor­den, hat­te jedoch auch einen gewis­sen sym­bol­is­chen Wert. Die NPD hat­te näm­lich im Vor­feld zahlre­iche Flug­blät­ter im Stadt­ge­bi­et von Rathenow ver­bre­it­et, auf denen das zer­störte dama­lige Post­ge­bäude am gle­ichen Ort qua­si als “Beweis” für den alli­ierten “Bomben­ter­ror” am 18. April 1944 dargestellt wurde.

Allerd­ings unter­schlug die Partei dabei, dass das Objekt tat­säch­lich erst ein Jahr später bis auf die Außen­wände ver­wüstet wurde, nach dem die nation­al­sozial­is­tis­che Wehrma­chts­führung Rathenow zur “Fes­tung” erk­lärte und deren Artillerieein­heit­en aus den umliegen­den Stel­lun­gen im Abwehrkampf gegen die vor­rück­ende Rote Armee die Stadt Salve um Salve zer­schossen.

In Unken­nt­nis der tat­säch­lichen Stadt­geschichte, hielt dann der stel­lvertre­tende Vor­sitzende des NPD Lan­desver­ban­des Bran­den­burg, Ron­ny Zasowk aus Cot­tbus, eine Rede, in der er fälschlicher­weise den 18. April als den Tag beschrieb, an dem — in Hin­wen­dung an die Zuhör­er — “Ihre oder Eure Heimat­stadt dem Erd­bo­den gle­ichgemacht” wurde und darauf auf­bauend die dama­lige Kriegs­führung der “angloamerikanis­chen Kriegsver­brech­er” beispiel­sweise mit der in Viet­nam oder im Irak gle­ich­set­zte. Nicht ohne Grund hat­te deshalb auch hier das Aktions­bünd­nis “Rathenow zeigt Flagge” ein Großflächen­ban­ner mit der Auf­schrift “Biete Nach­hil­fe in Geschichte” ange­bracht.

Doch Zasowk ging es nicht allein um die Fälschung his­torisch­er Tat­sachen. Er ver­suchte die dama­lige Kriegspoli­tik der Alli­ierten qua­si als eth­nis­che Säu­berung darzustellen, bei der es ange­blich um die “endgültige Zer­störung des deutschen Volkes ging”. “Mil­lio­nen Deutsche mussten ster­ben”, so Zasowk in sein­er Rede weit­er, “weil es gewis­sen poli­tis­chen und wirtschaftlichen Größen so in den Kram passte”. Und obwohl er hier keine Namen nen­nt, wird der anti­semi­tis­che Charak­ter des Vor­trages klar, wenn der Cot­tbusser NPD Mann plöt­zlich den “Bogen” in die heutige Zeit span­nt, in der wieder  “freier Völk­er” bedrängt wer­den, “weil sie sich weigern der judäi­amerikanis­chen Geschehe des Mark­tradikalis­mus und des völk­erz­er­stören­den Frei­han­dels zuzus­tim­men”.

Nach einem weit­eren revi­sion­is­tisch und “Schlussstrich” geprägten Rede­beitrages eines (Neo)naziaktivisten aus Tel­tow — Fläming marschierte der (Neo)naziaufzug weit­er über die Bran­den­burg­er Straße, die Große Milow­er Straße, die Straße “Am Kör­graben” sowie die Schopen­hauer­straße, wo nochmals ein Großflächen­ban­ner des Aktions­bünd­niss­es “Rathenow zeigt Flagge” mit der Auf­schrift “Und Tschüß!” ange­bracht war, zurück zum Bahn­hof.

Vor dem Dunck­er­platz Ecke Friedrich Ebert Ring, im Angesicht der Nazi­ab­schlusskundge­bung vor dem Bahn­hof­s­ge­bäude kam es dann noch zu ein­er spon­ta­nen Protestkundge­bung von Punks, Antifas, Hop­pern und Fans von Ten­nis Borus­sia Berlin, welche die (Neo)nazis hof­fentlich auf nim­mer wieder­se­hen ver­ab­schiede­ten. Von den 140 (Neo)nazis kamen näm­lich nur 29 aus dem West­havel­land, die restlichen kamen aus Brandenburg/Havel, Havelsee, Kloster Lehnin, Nauen, Neu­rup­pin, Vel­ten, Hen­nigs­dorf, Pots­dam, Cot­tbus, dem bran­den­bur­gis­chen Land­kreis Tel­tow — Fläming sowie aus Sach­sen Anhalt (Sten­dal, Weteritz und  Klötze) und Berlin.

Das dieser gewün­schte Abschied von (neo)nazistischen Umtrieben aber kurzfristig eine Illu­sion bleibt, ist wahrschein­lich eher die Real­ität. Das (neo)nazistische Milieu scheint näm­lich bestrebt zu sein, den 18. April als fes­ten Ter­min, neben ähn­lichen Aufzü­gen in Magde­burg und Dres­den, in ihrem Ver­anstal­tungs­plan zu etablieren. Seit ger­aumer Zeit reisen die Mit­glieder des lokalen Milieus näm­lich schon durch die Lande und ins­beson­dere zu Ver­anstal­tun­gen in den bei­den genan­nten Städten um Kon­tak­te mit der bun­desweite (Neo)naziszene zu ver­fes­ti­gen. Während der dor­ti­gen Aufzüge, wie auch bei dem gestri­gen in Rathenow, wer­den dann Ban­ner gezeigt, welche die Bombe­nan­griffe von Magde­burg und Dres­den in ein­er Rei­he mit dem Rathenow­er Luftan­griff stellen.

Das (neo)nazistische Milieu in Rathenow führt seit 2005 Gedenkver­anstal­tun­gen zum 18. April durch.

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