29. Juli 2008 · Quelle: ND

Wollen Nazis den Fahrschein sehen?


Vor­würfe gegen Kon­trolleure in Pots­damer Bussen / Verkehrs­be­triebe: Da ist nichts dran

In die Köpfe hinein­schauen kann nie­mand. Aber wenn der Kopf sehr kurz geschoren ist und wenn die Fahrkarten-Kon­trolleure Lons­dale-Klam­ot­ten tra­gen … »Die Fahrgäste haben sich gefürchtet. Mucksmäuschen­still war es im Bus«, erzählt ein­er der Pots­damer, die neulich gegen Mit­tag mit der Lin­ie 693 durch das Wohnge­bi­et Am Schlaatz fuhren. Er spricht von vier »Türste­her-Typen« und meint sich zu entsin­nen, dass ein­er zur recht­en Szene gehöre. Barsch sei nach dem Fahrschein gefragt wor­den, während die Kon­trolleure son­st immer sehr fre­undlich seien. Eine far­bige Frau, die eine Sta­tion später zustieg, sei lieber vorn ste­hen geblieben, obwohl hin­ten noch Sitz­plätze frei waren. Offen­bar habe sie Angst gehabt, an den vier Kon­trolleuren vor­beizuge­hen.

Recht­sex­treme Kon­trolleure in Bussen und Straßen­bah­nen der Pots­damer Verkehrs­be­triebe (ViP), das wäre ein Skan­dal – nicht nur angesichts der recht­sex­tremen Wach­leute, deren vorüberge­hen­der Ein­satz an einem Kiessee in Zeis­cha kür­zlich für Aufruhr gesorgt hat­te.

Zwei Hin­weise sind im Büro der Pots­damer Land­tagsab­ge­ord­neten Ani­ta Tack (Linkspartei) einge­gan­gen. Tacks Mitar­beit­er geht diesen Vor­wür­fen nach. Er will sich deswe­gen am Fre­itag mit dem örtlichen Nieder­las­sungsleit­er der Wach­schutz­fir­ma WISAG tre­f­fen. Die WISAG beschäftigt bun­desweit mehr als 24 000 Mitar­beit­er, die zum Beispiel Objek­te schützen, Gebäude reini­gen oder Gärten pfle­gen. Im Auf­trag der ViP kon­trol­liert sie seit Jahren auch Fahrkarten.

Der­gle­ichen Hin­weise wie Ani­ta Tacks Büro erhal­ten auch die Verkehrs­be­triebe – »regelmäßig«, wie ViP-Geschäfts­führer Mar­tin Weis sagt. Da habe es auch mal das Gerücht von einem Kon­trolleur mit tätowiert­er Reich­skriegs­flagge gegeben. Man wertete solche Vor­würfe mehrfach mit der WISAG aus. Nie sei etwas dran gewe­sen, erzählt Weis. Es sei unmöglich, den Leuten in den Kopf zu schauen, und schwierig, die poli­tis­che Gesin­nung an Äußer­lichkeit­en zu erken­nen. Dem Vor­wurf ein­er unfre­undlichen Behand­lung könne man nachge­hen, wenn Tag, Uhrzeit, Bus und Hal­testelle genan­nt wer­den.

Der WIS­AG-Nieder­las­sungschef Knud Echter­mey­er ist sauer. Er mag sich am lieb­sten nicht mehr zu solchen Anwür­fen äußern. Das komme »fast nur« von erwis­cht­en Schwarz­fahrern. »Meine Mitar­beit­er treten der­ar­tig nicht auf«, ver­sichert Echter­mey­er. »Da würde ich auch dazwis­chen fahren.« Für den Fall, dass Beschäftigte ver­botene Klei­dung tra­gen, habe er angewiesen, dass diese Leute nicht einge­set­zt und aus dem Unternehmen ent­fer­nt wer­den. Das sei jedoch nie vorgekom­men. Zwar gebe es zwei Kon­trolleure, die Lons­dale-Klei­dung tra­gen. Doch er habe sich kundig gemacht. Diese Klei­dung sei nicht beden­klich.

Tat­säch­lich tru­gen Neon­azis die Marke Lons­dale vor etlichen Jahren gern. Kom­biniert mit ein­er offe­nen Bomber­jacke blieb eine Buch­stabenkom­bi­na­tion sicht­bar, die auf die NSDAP anspielte. Der britis­chen Her­steller­fir­ma, die als Ausstat­ter für den Boxs­port begann, gefiel dies nach Angaben der Amadeu-Anto­nio-Stiftung jedoch über­haupt nicht. Sie startete dem­nach 2004 die Kam­pagne »Lons­dale loves all colours« und dis­tanzierte sich damit von Ras­sis­mus und Frem­den­feindlichkeit. Der recht­en Szene passte das natür­lich nicht. Sie boykot­tierte die Marke for­t­an. Es soll zu demon­stra­tiv­en Ver­bren­nun­gen der Klei­dung gekom­men sein. Lons­dale ist also keine Nazi-Marke.

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