21. März 2002 · Quelle: Märkische Allgemeine

Zehdenick — Schöne Stadt mit Nazis”

ZEHDENICK — Die Kam­era schweift über die Zehdenick­er Schleuse. Son­nen­schein. Der Kom­men­ta­tor begin­nt mit den Worten: “Zehdenick, eine ganz nor­male Kle­in­stadt mit allen Schwächen und Stärken. Eine große Schweinerei ist dort geschehen.” Die Zehdenick­erin Christa-Maria Rah­n­er bringt es auf den Punkt: “Wie gehen die Zehdenick­er mit ihrer Geschichte um.” Eine Arbeit­er­stadt mit ihrer Nazi-Ver­gan­gen­heit. Und plöt­zlich Zeitlu­pen­bilder von Grab­steinen, der jüdis­che Fried­hof. Nazis demolieren am 12./13. Feb­ru­ar 2001 die rekon­stru­ierte Gedenkstätte, sagt der Kom­men­ta­tor. Und eine Stadt hüllt sich in Schweigen. 

Dien­stagabend hat­te der Doku­men­tarfilm “Zehdenick — Schöne Stadt mit Nazis” Pre­miere in der Lan­deszen­trale für poli­tis­che Bil­dung in Pots­dam. Hans-Dieter Rutsch hat in ein­er aufwändi­gen Recherche ver­sucht, die Hin­ter­gründe dieses Ereigniss­es zu ergrün­den. Es kom­men Polizeibeamte zu Wort, der Bürg­er­meis­ter, ein Schuldirek­tor, eine örtliche Jour­nal­istin, eine Sozialar­bei­t­erin, das Ehep­aar Rah­n­er sowie der 16-jährige Schüler Chris­t­ian Ahlrep. Sie alle ver­suchen im Film, die Ereignisse zu erk­lären, jed­er auf seine Weise, mit sein­er Sicht. Ein dif­feren­ziertes Bild entste­ht dabei. Und es bleiben Fra­gen, die nicht gek­lärt wer­den. Bürg­er­meis­ter Wern­er Witte kommt im Film die Rolle des Rel­a­tivier­ers zu, des Entschär­fers und meis­tens sog­ar des Verharmlosers. 

In der Diskus­sion nach der Vor­führung fra­gen sich deshalb die meis­ten der etwa 60 Gäste, warum in Zehdenick eine solche Angst herrscht, sich klar zu äußern. Diesen Ein­druck ver­mit­telt zunächst etwa die Befra­gung des Bürg­er­meis­ters. Doch es wird vie­len der Anwe­senden erst im Gespräch klar, wie die Stim­mung in Zehdenick ist. Es ist nicht unbe­d­ingt die Angst vor ein­er Horde Skin­heads, die einige nur zöger­lich antworten lässt, son­dern schlicht Unsen­si­bil­ität, Desin­ter­esse gegenüber der eige­nen Geschichte. 

Wil­fried Rah­n­er beschreibt die Stille während ein­er Stadtverord­neten­ver­samm­lung, als er den Vorschlag macht, dass die Stadt mit ein­er Kundge­bung Stel­lung beziehen müsse. “Keine Reak­tion.” Schlimm auch das Feilschen um Worte bei der Res­o­lu­tion. Auf die Frage, warum die poli­tis­chen Spitzen nur zöger­lich Stel­lung beziehen, gibt Christa-Maria Rah­n­er eine Antwort, die viele verblüfft: Es sei ständig die Angst vorhan­den, Inve­storen zu ver­prellen. Das Erschei­n­ungs­bild des Ortes soll in der Öffentlichkeit nicht beschmutzt werden. 

Der Film soll auch in Zehdenick gezeigt wer­den. Er ist, so die Mei­n­ung viel­er Pre­mierengäste, eine gelun­gene Darstel­lung der vielerorts herrschen­den Ver­harm­lo­sung recht­sex­tremer Gewalt. Eine Doku­men­ta­tion des Alltags.

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