8. Juni 2004 · Quelle: MAZ

Zonen der Angst

Im Som­mer 2002 set­zen Recht­sex­treme einen türkischen Imbiss in Lehnitz in Brand. Ein Jahr später het­zen Jugendliche einen Tune­si­er durch Oranien­burg. Was prägt die Jugend­kul­tur in der Stadt? Zwei Jahre lang unter­suchte eine Stu­di­en­gruppe die recht­sex­treme Szene. Das Ergeb­nis — die Studie “Futur
exakt — Jugend­kul­tur in Oranien­burg zwis­chen recht­sex­tremer Gewalt und demokratis­chem Engage­ment — liegt jet­zt vor. Mit den Autoren Ralph Gabriel und Ingo Gras­torf sprach MAZ-Redak­teurin Frauke Herweg. 

“Früher war alles schlim­mer” — das ist eine weit ver­bre­it­ete Mei­n­ung zum
Recht­sex­trem­is­mus in Oranien­burg. Trifft sie zu?

Gras­torf: Betra­chtet man die Tat­sachen — ja. Nach den Über­fällen auf die
Asyl­be­wer­ber­heime zu Beginn der 90er sind spek­takuläre Über­griffe weniger
geworden. 

Gabriel: Bis 1995/96 gab es eine mas­siv organ­isierte recht­sex­treme Szene in
Oranien­burg. Das ist heute nicht mehr so. Feste Struk­turen kon­nten wir nicht
beobacht­en. Gle­ich­wohl haben die Struk­turen zu Anfang der 90er die
Jugend­kul­tur geprägt. Das darf man nicht vergessen. Wer sagt, dass vor
eini­gen Jahren noch alles schlim­mer gewe­sen war, läuft Gefahr, die
Sen­si­bil­ität dafür zu ver­lieren, was heute tat­säch­lich noch da ist. 

Wie ist die Szene heute organisiert?

Gras­torf: Sie ist sehr viel pri­vater gewor­den und damit auch aus der
öffentlichen Wahrnehmung ver­schwun­den. Die Bere­itschaft zu han­deln ist nach
wie vor da. Allerd­ings ist unser Ein­druck, dass die Szene spektakuläre
Aktio­nen auch gar nicht mehr nötig hat. Sie hat ohne­hin Einzug in das
All­t­agsleben gefunden. 

Mit Mario Popiel­la ist 2003 erst­mals ein NPD-Kan­di­dat in den Kreistag
gezo­gen. Wie wichtig sind rechte Parteien oder recht­sex­treme Organisationen
für Oberhavel?

Gabriel: Die NPD hat mit 3 bis 5 Prozent der Stim­men ihren festen
Wäh­ler­stamm. Zwar kom­men einige NPD-Per­sön­lichkeit­en aus Ober­hav­el — der
Press­esprech­er des NPD-Lan­desver­ban­des Thomas Salomon etwa oder der
Recht­san­walt Richard Mios­ga. Auf die Jugend­kul­tur hat die NPD nur wenig
Einfluss. 

Gras­torf: Der Märkische Heimatschutz ist da für Jugendliche viel
inter­es­san­ter. Er ver­sucht, die Jugendlichen vor Ort anzusprechen.
Allerd­ings lässt sich noch nicht klar sagen, wie groß sein Ein­fluss in
Oranien­burg wirk­lich ist. In Eber­swalde hat er schon sehr gut Fuß gefasst.
In Oranien­burg ist er ger­ade dabei. 

Wie groß ist die Szene?

Gabriel: Der Ver­fas­sungss­chutz spricht von sechs Leuten, die in Oranienburg
zum harten Kern der Recht­sex­tremen gehören. Im ganzen Land­kreis sollen es 21
sein. Etwa 40 Recht­sex­treme hal­ten der Ver­fas­sungss­chutz und die Polizei für
gewalt­bere­it. Bei allen Zahlen allerd­ings sind die Unter-18-Jähri­gen nicht
mitgezählt. 

Gras­torf: Im Einzelfall ist es immer sehr schwierig zwis­chen Täter und
Zuschauer zu unter­schei­den. Die Het­z­jagd auf den Tune­si­er im August 2003
zeigt, dass die Jugendlichen ihre Rollen dur­chaus gewech­selt haben. 

In Ihrem Buch sprechen Sie von “Zonen der Angst”. Wo gibt es die in
Oranien­burg und was ist damit gemeint?

Gabriel: Was eine Zone der Angst ist, kann nur ermessen, wer Angst hat. Ich
hätte keine Angst, am Oranien­burg­er Bahn­hof, am Weißen Strand in Lehnitz
oder an der Aral-Tankstelle an der Berlin­er Straße vor­beizuge­hen. Ein
Migrant oder ein Ander­sausse­hen­der wom­öglich schon. Von den Zonen der Angst
sind in der Ver­gan­gen­heit häu­fig Über­fälle aus­ge­gan­gen. Wer sich als
poten­zielles Opfer fühlt, weiß das und mei­det diese Orte womöglich. 

Gras­torf: Zonen der Angst sind immer tem­porär. Es ist ungewiss, ob dort
etwas passiert. Es kann etwas passieren. Das ist der Moment der Willkür.
Wenn ich als Men­sch dun­kler Haut­farbe mit­tags am Oranieburg­er Bahnhof
langge­he, muss ich mich dort wahrschein­lich nicht bedro­ht fühlen. Am Abend
kann das allerd­ings schon wieder ganz anders aussehen. 

Eine der zen­tralen The­sen in Ihrem Buch ist, recht­sex­treme Repräsentanten
kön­nten sich in Oranien­burg sich­er sein, von ein­er schweigen­den Mehrheit
toleriert zu wer­den. Ist Oranien­burg eine rechte Stadt?

Gabriel: Das kan man nicht so ohne weit­eres beant­worten. Was man aber sagen
kann, ist: Viele haben in Oranien­burg für die poten­ziellen Opfer nichts
übrig. Bei uns entste­ht der Ein­druck, sie möcht­en in ein­er Gemein­schaft von
Gle­ichen unter sich bleiben. Das Prob­lem Recht­sex­trem­is­mus als solch­es wird
nicht erkan­nt, man möchte sich auch keine Prob­leme schaf­fen. Ein konkretes
Beispiel: Auf Stadt­festen haben wir beobachtet, wie Jugendliche, die durch
ihre Klei­dung und ihr Auftreten ein­deutig als recht­sex­trem zu erkennen
waren, toleriert wur­den. Ihnen wurde auf die Schul­ter gek­lopft, man lud sie
zum Bier ein. Nie­mand regte sich auf. Es gibt so etwas wie einen
frem­den­feindlichen Kon­sens in Rich­tung “Die sagen, was wir denken.” 

Wie bew­erten Sie das demokratis­che Engage­ment der ver­gan­genen Jahre? Wie beurteilen Sie das Engage­ment des Landkreises?

Gabriel: Es ist gut, dass es diese interkul­turellen Begeg­nun­gen zwischen
Jugendlichen ver­schieden­er Herkun­ft gibt. Für die poli­tis­che Bil­dung bringt
gemein­sames Grillen jedoch nur wenig. Solche Begeg­nun­gen sind zu wenig
nach­haltig. Die Jugendlichen verbleiben zumeist in den alten Strukturen.

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