6. Juni 2005 · Quelle: MAZ

Zurück nach Hause

KÖNIGS WUSTERHAUSEN Nach weni­gen Minuten ist die Arbeit getan. Mit geübtem Griff hat Gün­ter Dem­nig das kleine Loch im Gehweg aus­ge­hoben und die bei­den “Stolper­steine” einge­set­zt. Er ver­putzt die Stelle und fegt sie sauber. Die bronzenen Tafeln stechen aus dem Grau des Weges in der Bahn­hof­s­traße 6 hervor. 

Mit gesenk­tem Kopf lasen gestern Nach­mit­tag die Gäste der Zer­e­monie die Inschrift: “Hier wohnte Max Jacob­sohn. Deportiert 1942 nach Osten”. Der zweite Stein erin­nert an seine Frau Paula. Vor der Friedrich-Engels-Straße 10a ver­legt Dem­nig noch zwei weit­ere “Stolper­steine” für die Geschwis­ter Sal­ly und Rosa Jacob, auch sie wur­den von den Nazis ver­schleppt und ver­mut­lich in einem Lager ermordet. An das Schick­sal der vier Königs-Wuster­hausen­er, die einst ange­se­hene Bürg­er der Stadt waren, soll mit dem Kun­st­pro­jekt erin­nert wer­den. “Es war mir wichtig, die Namen der Men­schen, die im Konzen­tra­tionslager nur noch Num­mern waren, dor­thin zurück­zubrin­gen, wo ihre Heimat war”, sagte Gün­ter Dem­nig zum Auf­takt bei der Feier­stunde im Bürg­er­haus. Der Köl­ner Kün­stler hat die bun­desweite Aktion ini­ti­iert. Königs Wuster­hausen ist die 96. Stadt, die sich daran beteiligt, mehr als 5000 “Stolper­steine” wur­den schon verlegt. 

“Wo war das gute Gewis­sen der bürg­er­lichen Kle­in­stadt? Warum regte es nie­man­den auf, dass die jüdis­chen Nach­barn abge­holt wur­den? Warum war das über­haupt möglich?”, fragte Bürg­er­meis­ter Ste­fan Lud­wig (PDS) in sein­er ein­dringlichen und bewe­gen­den Ansprache, für die er viel Lob erhielt. Die “Stolper­steine” nan­nte er ein “sicht­bares Zeichen” für das neue Gewis­sen der Stadt: “Aber ist es wirk­lich undenkbar, dass eines Tages wieder jemand sagt: dieser Nach­bar ist weniger wert? Es gibt gute Gründe, diese Frage zu stellen und zu disku­tieren.” Zur Ver­legung der Steine kamen auch Schüler des Schiller-Gym­na­si­ums, die mit dem Vere­in “Kul­tur­land­schaft” die Schick­sale weit­er­er jüdis­ch­er Bürg­er erforscht haben. “Dass es in der Nähe passierte, gle­ich nebe­nan, das ist erschüt­ternd”, sagte Schü­lerin Lydia Brenz. Als einziger Stadtverord­neter nahm Gün­ter Wun­der­lich (PDS) teil. Die Finanzierung des Pro­jek­ts über­nah­men Spon­soren. paw

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