16. März 2007 · Quelle: MAZ

Zwei “Stolpersteine” in der Steinstraße

Am Mon­tag, dem 19. März, ver­legt der Kün­stler Gunter Dem­nig ab 8.30 Uhr vor zwei Häusern in der Ste­in­straße von Rathenow “Stolper­steine”. Mit diesem Kun­st­pro­jekt erin­nert er an jüdis­che Mit­bürg­er, die auf diese Art als Opfer der NS-Zeit aus ihrer Anonymität geholt wer­den sollen: Franziska und Alfred Korn­blum, Berta Kad­den und Emmy Sina­sohn. Der fol­gende Beitrag, den Dieter Seeger geschrieben hat, berichtet über Schick­sale von diesen und anderen jüdis­chen Bürg­ern, die in Rathenow lebten.
RATHENOW Die Ste­in­straße war vor 70 Jahren eine bedeu­tende Straßen­zeile mit vie­len Geschäften. In der Stadt Rathenow lebten zu Beginn der faschis­tis­chen Dik­tatur 111 jüdis­che Mit­bürg­er. Einige von ihnen hat­ten durch Klein­han­del ihr Auskom­men, wenige waren zu Wohl­stand gekommen.

Es gab jüdis­che Intellek­tuelle – Ärzte und einen Recht­san­walt – und eine Menge ein­fach­er Arbei­t­erin­nen und Arbeit­er, die in den Rathenow­er Groß- und Klein­be­trieben ihren Leben­sun­ter­halt ver­di­en­ten. Sie alle waren in die Bevölkerung inte­gri­ert, aber es gab in der lan­gen Geschichte immer wieder anti­semi­tis­che Aus­fälle, Angriffe, Diskriminierungen.

Als die faschis­tis­che NSDAP ihren “Kampf um die Straße, die Köpfe und die Par­la­mente” begann, waren spießige Kle­in­städte mit ihrem Poten­zial Deutsch-Nationaler, dem Kaiser­re­ich Nach­trauern­der eine wichtige Oper­a­tions­ba­sis. Rathenow hat­te jedoch auch eine selb­st­be­wusste, kämpferische Arbeit­erk­lasse. Die SPD war stark in den kom­mu­nalen Kör­per­schaften vertreten, die KPD und der Lenin­bund (Linke Kom­mu­nis­ten) drängten die Sozialdemokrat­en auf die Kern­punk­te der Klasse­nau­seinan­der­set­zun­gen, hat­ten aber gegen Ende der Weimar­er Repub­lik eher mit deren Antikom­mu­nis­mus zu kämpfen. Die Nazis kon­nten bei der zer­split­terten Linken mit nation­al­is­tis­chen und ras­sis­tis­chen Parolen punk­ten. Die Juden stell­ten sie als “Feinde der Deutschen” dar. Das Naz­i­blatt “West­havel­ländis­che Tageszeitung” gab den anti­semi­tis­chen Ton vor, und es kam am 1. April 1933 zum ersten Juden­boykott als ein­er Art Probe. SA-Leute postierten sich vor den jüdis­chen Geschäften, um die Käufer am Betreten der Läden zu hin­dern. Plakate und Schilder het­zten. Die “jüdisch-bolschewis­tis­che Weltver­schwörung” sollte auch in Rathenow besiegt werden.

In der Ste­in­straße 7 betrieb Alfred Korn­blum ein Geschäft für Her­re­nar­tikel. Er hat­te den Laden und die dazuge­hörige Woh­nung vom Apothek­er Schultze gemietet. Als die Nazis sein Geschäft block­ierten, waren “Dif­feren­zen” mit dem Haush­er­rn die Folge. Korn­blum ver­lor seine Exis­tenz, die Fam­i­lie musste aus der Woh­nung ausziehen. M. Conitzer & Söhne GmbH, das jüdis­che Kaufhaus in der Berlin­er Straße, bot Woh­nung und Beschäf­ti­gung. Alfred Korn­blum wurde Han­del­sreisender mit Wan­dergewerbeschein, das heißt er fuhr als “Klinken­putzer” über Land und bot Conitzer-Ware an.

Alfred Korn­blum war Vor­stand der jüdis­chen Gemeinde. Kan­tor und Reli­gion­slehrer war Max Abra­ham. Abra­ham war bevorzugtes Ziel anti­semi­tis­ch­er Über­fälle. Die Rathenow­er SA fiel mehrfach über ihn her und schlug ihn zusam­men. Nach der “Machter­grei­fung” der Hitler­faschis­ten suchte sich Abra­ham der Angriffe zu entziehen, indem er in Berlin Quarti­er nahm und nur zur Amt­sausübung nach Rathenow pen­delte. Er wurde am 26. Juni 1933 abends auf dem Weg vom Bahn­hof zu sein­er Woh­nung in der Großen Milow­er Straße vom Adju­tan­ten des SA-Sturm­banns, Hein­rich Meier­cord d. Jüng., auf dem Askanier­damm (Am Kör­graben) ange­grif­f­en und mis­shan­delt. In der Folge kam er ins Polizeige­fäng­nis Berlin­er Str. 1–2 und am Mor­gen des näch­sten Tages zu den Ver­hafteten (zweite Ver­haf­tungswelle gegen Sozialdemokrat­en und bürg­er­liche Nazigeg­n­er) in die Turn­halle des Lyzeums, Schleusen­str. 11. Während der dor­ti­gen Quälereien schlug ihn Meier­cord mehrfach bewusst­los. Unter den Gefan­genen waren die jüdis­chen Geschäft­sleute Arno Ganß, Alex Grischmann und Fritz Sina­sohn. Am Abend bracht­en die SA und SS alle Ver­hafteten ins KZ Oranien­burg. Beze­ich­nend ist, wie mit Rathenow­er Juden weit­er umge­gan­gen wurde.

Arno Ganß war Eigen­tümer des Haus­es Ste­in­str. 9 und führte dort eine Nieder­las­sung des “Biele­felder Kaufhaus­es” (heute Neubaut­en neben der Alt­städtis­chen Apotheke). 1939 – also nach der Verkün­dung der “Rassege­set­ze” und dem Pogrom am 9. Novem­ber 1938 – wohnte er dort nur noch als Mieter. Jet­zt gehörte Friedrich Lind­ner das Haus, in dem er mit Web­waren und Möbeln han­delte. Die Erk­lärung heißt “Arisierung”: Die Geschäft­sleute wur­den ter­ror­isiert und verkauften schließlich “an den Staat” – also Enteignung.

Auf gle­iche Weise wurde Alex Grischmann sein Schuhgeschäft in bester City-Lage, näm­lich Jäger­str. 1 (Goethes­traße) los. Der “Ari­er” Michaelis führte den Laden weit­er, Grischmann wurde zum Wohnungsmieter.

Fritz Sina­sohn war Kauf­mann und wohnte im A.-Hitler-Ring II/8 (Eber­tring). Er war mit seinen Geschwis­tern Eigen­tümer von Grund­stück­en und des Pro­duk­ten­han­dels Sieg­bert Sina­sohn in der Großen Burgstr. 21. Wie Ganß und Grischmann hat­ten die Nazis ihn ins KZ Oranien­burg geschleppt. Dort set­zten sie Sina­sohn unter Druck, bis er einen Kaufver­trag zum Ein­heitswert (!) unter­schrieb, ehe man ihn dann entließ.

1939 hat­te er eine andere Adresse: Ste­in­str. 38. Zufall? Dieses Haus war Eigen­tum von Bertha Kad­den (das spätere Kinderkaufhaus an der Schleusen­brücke). Ein riesiges Haus mit Läden und vie­len Woh­nun­gen zur Ste­in­straße und zum Schleusenkanal. Alfred Kad­den betrieb die Fir­ma Raro-Optik/­Großhan­del und Josef Kad­den “Das Schuh­haus”. Karl Päger, der im gle­ichen Haus ein Geschäft für Damen­garder­obe führte, ist aber bere­its 1937 Inhab­er der gesamten unteren Ladene­tage. Noch gehörte der Jüdin Bertha Kad­den das Haus. Sind alle Geschäft­sleute Kad­den vielle­icht ausgestorben?

Das größte Kaufhaus der Stadt, erstes Haus am Platze, gehörte der Fir­ma M. Conitzer & Söhne GmbH. 1938 wurde es “arisiert”. Herr Bünger über­nahm das lukra­tive Warenhaus.

Bere­its am 1. April 1933 began­nen die Rathenow­er Recht­san­wälte, ihren missliebi­gen Kol­le­gen Dr. Ham­mer­schlag zu diskred­i­tieren und zu boykot­tieren. Die Anwälte Haak, Dr. Lins­dorf, Dr. Baben­zien, Köh­ler, Hohen­stein und Dr. Schoen­e­mey­er veröf­fentlicht­en in der “West­havel­ländis­chen Tageszeitung” vom 1. April einen Aufruf gegen Juden in ihrem Beruf­s­stand, “…ins­beson­dere dem im Amts­gericht Rathenow ansäs­si­gen Recht­san­walt jüdis­ch­er Rasse … dem Recht­san­walt und Notar Dr. Ham­mer­schlag, Dunck­er­str. 11”. Am 9. Mai 1933 meldete der “Anzeiger für Nowawes” (Babels­berg) den Auss­chluss von fünf Recht­san­wäl­ten “zur Reini­gung des Recht­san­walts­standes im hiesi­gen Gerichts­bezirk”, darunter Dr. Ham­mer­schlag: Berufsverbot.

Mit dem Pogrom am 9. Novem­ber 1938 leit­eten die Nazis ihre lang angelegte “Endlö­sung der Juden­frage” ein. Auch in Rathenow tobten SA und SS in der Syn­a­goge (Fab­riken­straße), zer­schlu­gen alles und errichteten auf dem Hof einen Scheit­er­haufen aus Tho­rarollen, Kult­ge­gen­stän­den, Gebets­büch­ern und ‑män­teln. Das Klavier wurde zer­hackt, Geschirr zer­schla­gen und der Leichen­wa­gen angezün­det. Alfred Korn­blum war Augen­zeuge, wurde abge­drängt und wollte nach Hause gehen (Berlin­er Str. 21–22, Ecke Fehrbelliner Straße), als ihn bei der Post ein Polizist ent­deck­te, der ihn von der Ausstel­lung des Wan­dergewerbescheins auf der Polizei­wache kan­nte. Er kam extra von der anderen Straßen­seite herüber, rem­pelte Alfred Korn­blum an und beschuldigte ihn des Angriffs auf einen Polizis­ten. Er ver­haftete ihn, schlug ihn in der Zelle zusam­men und dabei mehrere Zähne aus. Im Laufe des Tages wur­den alle männlichen Juden verhaft
et und eine Woche später nach Pots­dam zur Gestapo gebracht.

Am sel­ben 9. Novem­ber um 9 Uhr wur­den Friedrich Löwen­tal und weit­ere fünf Mitar­beit­er des Landw­erkes Steckelsdorf/Ausbau aus dem Haus geholt. Hier soll­ten Jugendliche auf ihre Auswan­derung nach Israel durch das Erler­nen land­wirtschaftlich­er Fer­tigkeit­en vor­bere­it­et wer­den. Die SA trieb die Aus­bilder mit Fußtrit­ten ins Bürg­er­meis­ter­amt Neue Schleuse. Bürg­er­meis­ter Böhm und Oberwacht­meis­ter Bach­mann bewacht­en die Festgenomme­nen bis zu ihrem Abtrans­port in die Kreis­stadt Gen­thin. Von dort wur­den sie am näch­sten Tag unter Beschimp­fun­gen und Mis­shand­lun­gen zum KZ Buchen­wald gebracht. Dort erla­gen zahlre­iche Häftlinge – auch aus Steck­els­dorf – den Quälereien.

Dr. Salomon Mar­cus hat­te in seinem Haus in Neue Schleuse, Göt­tlin­er Str. 55, seine Prax­is. Er wurde “Arzt für Arme” genan­nt, weil er viele Patien­ten kosten­los behan­delte. In Rathenow führte er die Wöch­ner­in­nen­be­treu­ung ein und unter­stützte die Sup­penküche des Roten Kreuzes. In der Pogrom­nacht des 9. Novem­ber wur­den die Fen­ster seines Haus­es einge­wor­fen. 1939 erhielt er Berufsver­bot, ver­lor sein Haus und musste auf Befehl der Gestapo ins Landw­erk Steck­els­dorf umziehen. Dort ent­zog er sich 1942 der angekündigten Depor­ta­tion durch den Freitod.

Die in Rathenow verbliebe­nen Juden wur­den sämtlich in eine Woh­nung in der Ste­in­str. 38 gepfer­cht. Von dort wur­den die Men­schen – es waren noch ein paar Dutzend – nach There­sien­stadt (Terezin) deportiert. Dort ver­liert sich ihre Spur in den Trans­porten zu den Ver­nich­tungslagern. Außer Bertold Metis kam nach dem Krieg kein­er zurück.

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