15. März 2002 · Quelle: Märkische Allgemeine / Ruppiner Anzeiger

Zweiter Prozesstag gegen Wittstocker Nazis

NEURUPPIN An Pöbeleien wegen sein­er Haut­farbe ist er gewöh­nt, sagte gestern der 19-jährige Manuel G. aus Witt­stock. Aber auch für ihn war die Nacht auf den 21. Mai des ver­gan­genen Jahres eine Aus­nahme. Damals floh er in Witt­stock vor eini­gen jun­gen Män­nern und stürzte dabei drei Stock­w­erke in die Tiefe.

 

Seine mut­maßlichen Ver­fol­ger ste­hen seit dem 5. März vor dem Neu­rup­pin­er Amts­gericht: Sven K. (23), Den­nis E. (23), sein Brud­er Daniel (22) und Karsten St. (21). Doch die vier schweigen zu den Vor­wür­fen. Ihre Kumpel im Gerichtssaal dage­gen hal­ten sich weniger zurück. Ihre laut­starken Kom­mentare wur­den mehrfach vom Vor­sitzen­den Richter gerügt.

 

Angst haben sowohl Manuel G. wie auch sein Fre­und Daniel A. seit dem Vor­fall. Für ihn Grund genug, umzuziehen. Sie woll­ten in Daniels Woh­nung Nudeln kochen, als sie Lärm im Trep­pen­haus hörten. Manuel G. befürchtete sofort, dass er ver­prügelt wer­den sollte, sagte er gestern dem Gericht. Und bevor die Woh­nungstür aufge­treten wurde, war er schon mit einem Bein auf dem Nach­bar­balkon. Als sich ein Mask­iert­er über die Brüs­tung beugte, hangelte er sich runter in den drit­ten Stock. Doch dann rutschte er ab und fiel in die Tiefe. “Ich hat­te mehr Angst, in der Woh­nung zu bleiben als zu klet­tern”, meinte Manuel G. zu dieser Aktion. Vier Tage musste er im Kranken­haus bleiben.

 

Sein Fre­und Daniel A. hat­te durch den Türs­pi­on vier bis fünf Per­so­n­en gese­hen, darunter einen Mask­ierten. Während der hin­ter seinem Fre­und her war, sei er aufs Bett gestoßen und geschla­gen wor­den. Von wem, kon­nte er allerd­ings nicht sagen. Der Mask­ierte war der 18-jährige Den­nis St. Er ist bere­its zu ein­er Jugend­strafe von drei Jahren und drei Monat­en verurteilt wor­den. Gestern wurde er als Zeuge gehört. “Weiß nicht, kann sein”, waren seine häu­fig­sten Worte. Nach sein­er Aus­sage stürmten alle außer Sven K. nach oben. Er selb­st habe Daniel A. auch ein- oder zweimal geschla­gen: “Aus Wut, weil sie den Schwarzen nicht erwis­cht hat­ten.” Und warum er es ger­ade auf den Far­bigen abge­se­hen hat­te, wollte der Richter wis­sen. “Ich kann Aus­län­der nicht lei­den”, meinte der Kahlrasierte. Eine Tatort­skizze mit den Angeklagten will er unter Druck ange­fer­tigt haben. Der Polizeibeamte hätte ihm gesagt, dass seine Kumpel alle gegen ihn aus­ge­sagt hät­ten. Er sei der Einzige, der dran ist. Das ver­wun­derte den Staat­san­walt doch sehr, hat­te Den­nis St. doch diese Aus­sage vor dem Ermit­tlungsrichter bestätigt.

 

Die Ver­hand­lung wird am kom­menden Mittwoch (20.März 02) fort­ge­set­zt.

 

 

Macht ohne Ehre

 

Vor dem Amts­gericht Neu­rup­pin wurde gestern der Prozess gegen vier junge Män­ner fort­ge­set­zt, die sich wegen gefährlich­er Kör­per­ver­let­zung, Haus­friedens­bruch und Sachbeschädi­gung ver­ant­worten müssen.

 

Alles begann mit ein­er Feier in ein­er Witt­stock­er Plat­ten­woh­nung an der Papen­bruch­er Chaussee am 20. Mai vorigen Jahres. Sechs oder sieben junge Leute sind zusam­men, trinken, amüsieren sich, hören Musik. Doch es ist nicht eine x‑beliebige Musik. Woran sich die fröh­liche Gesellschaft ergötzt, ist eine indizierte CD mit dem Titel „Her­ren­rasse“, pro­duziert von ein­er Band, die sich „Macht und Ehre“ nen­nt. Solche Musik von solchen Grup­pen wird in bes­timmten Kreisen. Zum Beispiel von jun­gen Män­nern, die sich die Köpfe kahl rasieren und gerne in Bomber­jack­en und Springer­stiefeln aus­ge­hen. Die Angeklagten Sven K., Den­nis und Daniel E. sowie Karsten St. gehören zu den Glatzen, Bomber­jack­en sind ihr Marken­ze­ichen. Auf dem Sweat­shirt, das Den­nis E. im Gerichtssaal trug, prangte der Schriftzug Ger­ma­nia. Dafür wird freilich nie­mand bestraft, doch es ist ein Hin­weis, welch Geistes Kind jemand ist. Der Zufall wollte es, dass im Auf­gang dieses Haus­es ein ander­er junger Mann wohnte, der mitunter von einem Fre­und besucht wurde. Und dieser Fre­und ist ein Deutsch­er dun­kler Haut­farbe. Irgend­wann im Laufe des Abends wird in der fröh­lichen Gesellschaft die Rede auf dem „Neger“ kom­men, der sich hier im Hause aufhalte. Und irgend­wann wird auch der Vorschlag gemacht, dem „Neger eins auf die Fresse zu hauen“.

 

Was dann geschah, schilderte der Zeuge Daniel A. dem Gericht. Gegen 23.30 Uhr habe er im Trep­pen­flur laute Stim­men ver­nom­men, die sich näherten. Als Daniel A. darauf durch den Spi­on blick­te, sah er vier bis fünf Män­ner, darunter einen Mask­ierten. Er schloß sofort die Tür ab. Doch es half nichts. Die Woh­nungstür wurde einge­treten. Daniels 19-jähriger Fre­und Manuel flüchtete über den Balkon der im drit­ten Stock gele­ge­nen Woh­nung. Ein­er der Ein­drin­glinge, der sich eine Ski-Maske über das Gesicht gezo­gen hat­te, stürmte mit dem Ruf „Wo ist der Neger?“, sofort auf den Balkon. Doch das Opfer entkommt ihm. Manuel hangelt sich zu einem Balkon im zweit­en Stock weit­er. Stürzt dort jedoch ab. Er kann sich aber aufrap­peln und flücht­en. Später wird er einen Arzt auf­suchen. Der Medi­zin­er diag­nos­tiziert eine Lenden­wirbel­säulen-Prel­lung und Abschür­fun­gen. Manuel muss darauf vier Tage in einem Kranken­haus behan­deln lassen.

 

In sein­er Woh­nung wird Daniel A. aufs Bett gestoßen und sein­er Aus­sage zufolge von einem der Ein­drin­glinge vier– bis fünf­mal mit der Faust geschla­gen. Im Gerichtssaal hat der Zeuge gestern Den­nis E. als den Schläger iden­ti­fiziert. (Anm. v. Prozeßbeobach­terIn­nen: Daniel hat Den­nis E. als einen der Ein­drin­glinge, nicht aber als den Schläger iden­ti­fiziert.)

 

In der Woh­nung zer­schlu­gen die Ein­drin­glinge eine Scheibe und eine Schrankwand. Als dann die von Nach­barn alarmierte Polizei erscheint, endet der Spuk. (Anm. v. Prozeßbeobach­terIn­nen: Daniel A. hat die Polizei selb­st gerufen)

 

Für Daniel A. hat die Sache aber noch ein anderes Nach­spiel. Der damals 19-Jährige absolvierte in Pritzwalk einen Vor­bere­itungskurs für eine Maler­aus­bil­dung. Als dort bekan­nt wird, dass ein­er Ein­drin­glinge in einem abge­tren­nten Ver­fahren eine Jugend­strafe von drei Jahren und 3 Monat­en erhal­ten hat, wird Daniel A. zum Mob­bing-Opfer. Auf RA-Nach­frage berichtet er, dass die Anderen ihm vorge­hal­ten hät­ten, dass seinetwe­gen ein­er ihrer Kumpel im Knast gelandet sei. Auf die Anfrage, ob denn alle Jun­gen rechts eingestellt gewe­sen wären, meinte Daniel A.: „Nicht alle, aber die hat­ten das Übergewicht.“ Als er mit einem Aus­bilder sprach, habe dieser die Mob­ber zwar zur Rede gestellt, doch sei dann alles noch schlim­mer gewor­den. „Die hiel­ten mir vor, dass ich bei anderen Schutz gesucht habe“, berichtete er. „Ich bin dann zum Schluß nicht mehr nach Pritzwalk gefahren und wurde aus der Maß­nahme rausgenom­men.“ Heute lebt der 20-Jährige von der Sozial­hil­fe.

 

Auch Manuel musste im All­t­ag bere­its einige bit­tere Erfahrun­gen machen. In der Wohnge­gend um die Papen­bruch­er Chaussee seien viele Rechte zu Hause. Er sei auch schon angepö­belt wor­den. „Neger, ver­piss Dich“, habe er schon zu hören bekom­men.

 

Die Vernehmung der Zeu­gen gestal­tete sich gestern schwierig und lang­wierig. Immer wieder brachte die Vertei­di­gung Anträge vor, die das Gericht zwan­gen, sich zur Beratung zurück zu ziehen. Hinzu kam, dass Zeu­gen wie der bere­its verurteilte Den­nis St. und die 20-jährige Cindy B. erhe­bliche Erin­nerungslück­en aufwiesen. Immer wieder mussten ihnen der Staat­san­walt oder Richter Ger­hard Pries Pas­sagen aus den polizeilichen Vernehmung­spro­tokollen bzw. aus einem vor­ange­gan­gen Prozess vorhal­ten. Erst, wenn sie mit früheren Aus­sagen kon­fron­tiert wur­den, macht­en sie Angaben, die zur Aufhel­lung des Tathe
rgangs beitru­gen. Gestern wurde bere­its deut­lich, dass mit den ursprünglich vorge­se­henen Prozessta­gen nicht auszukom­men ist. Als weit­ere Prozesstage sind bere­its Mittwoch, der 20. März, und Mon­tag, der 25.März, vorge­se­hen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Beiträge aus der Region

Anti­semitismus Tötet — Gestern wie Heute. Neu­rup­pin mah­nt und gedenkt der Opfer von Anti­semitismus und Ras­sis­mus
Heute ist Anne Frank Tag! Am 12. Juni 2019, dem Geburt­stag von Anne Frank, engagierten sich auch zahlre­iche Schulen gegen Ras­sis­mus — Schulen für Courage, für eine demokratis­che Gesellschaft ohne Anti­semitismus und Ras­sis­mus.
Vom 31.05.–09.06. befand sich die Rotzfreche Asphaltkul­tur auf „Antifrak­tour“ durch Meck­len­burg-Vor­pom­mern und Bran­den­burg. Das Ziel war es, soziale Missstände sicht­bar zu machen, und regionale Aktivist*Innen zu unter­stützen.

Opferperspektive

Termine für Potsdam

NSUwatch Brandenburg

Termine für Berlin

Netzwerk Selbsthilfe

Suche

  • Kategorien


  • Regionen



Inforiot