27. Juni 2004 · Quelle: LR

Zwischen Rathaus und Reichsparteitag

Der ein­stige Guben­er Ratskeller hat viele und vieles gese­hen. Das zwischen
1924 und 1944 geführte Gäste­buch — als Kopie im Stadtarchiv vorhanden -
weist eine große Anzahl Ein­tra­gun­gen von Per­sön­lichkeit­en der Stadt sowie
von auswär­ti­gen Besuch­ern auf. 

Ein auf­schlussre­ich­er Ein­trag find­et sich unter dem Datum vom 3. Dezember
1933: «Im Osten steckt die Kraft unseres Volkes. Ich grüße den SA-Mann der
Ost­mark, Edmund Heines, SA-Ob-Grup­pen­führer III.» Heines, ein­er der höchsten
Führer von Hitlers SA (Sturmabteilun­gen) im Rang eines Gen­er­als, zu diesem
Zeit­punkt ger­ade 36 Jahre alt, war zugle­ich Polizeipräsi­dent von Breslau
gewor­den und erhielt dort zeitweilig einen Straßen­na­men, ähn­lich wie
Gauleit­er Kube in Guben. Als Führungs­fig­ur im Raum Brandenburg/Schlesien
trat er bei zahlre­ichen Kundge­bun­gen auf, so in Guben nach den
Novem­ber­wahlen 1933. Hier hat­te sich die SA-Stan­darte (= Reg­i­ment) 37, die
spätere Stan­darte 451, auf dem Guben­er Flug­platz ver­sam­melt. Zu ihr gehörten
die Sturmabteilun­gen aus mehreren bran­den­bur­gis­chen Orten — unter anderem
Frank­furt (Oder), Forst, Crossen, Fürsten­berg (Oder) — in ein­er Stärke von
6000 Mann. 

Nach der Ein­wei­hung von sechs Sturm­fah­nen erfol­gte der Abmarsch zum Gubener
Mark­t­platz, wobei — in Anwe­sen­heit von Heines — SA-Stan dartenführer (=
Oberst) Ulrich Schulz-Sem­bten den Zug zu Pferde anführte. Heines dürfte dann
den Ratskeller aufge­sucht haben, um den genan­nten Ein­trag vorzunehmen. 

Der Heimath­is­torik­er Hart­mut Schat­te erwäh­nt Schulz-Sem­bten, Sohn des
Guts­be­sitzers Max Schulz, als späteren Polizeipräsi­den­ten von Wei
ßenfels/Saale, interniert von 1945 bis 1948 ( «Geschichte Groß Drewitz» ,
Seite 159). 

Im Kon­flikt mit Hitler

Edmund Heines selb­st, Frei­williger im Ersten Weltkrieg und danach an
Ein­sätzen im Freiko­rps Roßbach beteiligt, bewährte sich in der NSDAP und in
der SA als Stel­lvertreter des Stab­schefs Ernst Röhm, ver­mut­lich beide
Mitor­gan­isatoren des Reich­stags­bran­des. Röhm und andere, die nach Hitlers
Machtüber­nahme eine Führungsrolle im mil­itärischen Bere­ich beansprucht­en (so
genan­nte Zweite Rev­o­lu­tion), geri­eten in Kon­flikt mit der Reichswehrführung,
auf deren Seite sich Hitler gestellt hat­te. Dieser leit­ete am 30. Juni 1934
eine Mor­dak­tion gegen die SA-Führung ein, bei der neben weiteren
Per­sön­lichkeit­en etwa 50 SA-Män­ner liq­ui­diert wur­den, darunter in München
Heines und Röhm, let­zter­er durch den SS-Führer Theodor Eicke erst am 1. Juli
1934. 

Was in Guben geschah und wie die hiesige SA reagierte, ist bis heute
ungek­lärt. Auf­fäl­lig ist, dass die Aus­gaben der «Guben­er Zeitung» von Juli
1934 ent­fer­nt wor­den sein müssen. In den Kopi­en des Pots­damer Archivs sind
sie nicht nach­les­bar. Am 22. Feb­ru­ar 1934 hat­te die Zeitung einen Aufruf von
Siegfried Kasche, SA-Grup­pen­führer (Gen­er­alleut­nant) der Ost­mark, über die
Neugliederung der SA als «Heer der neuen Volks­ge­mein­schaft» veröffentlicht. 

Im Juli 1935 ist dann die Rede von einem hohen SA-Besuch in Guben durch
Grup­pen­führer Man­they auf dem Hin­den­burg­platz (heute Gubin). Der
stel­lvertre­tende Guben­er NS-Kreisleit­er Ebert sagte dort, dass die SA-Männer
keine Sol­dat­en seien wie die Ange­höri­gen der Wehrma­cht, son­dern Deutschland
gegen innere Feinde zu schützen hät­ten. Das war offen­sichtlich gegen die
ein­stige Röhm-Gruppe gerichtet. Und so geschah es, dass die «gere­inigte» SA
auch in Guben zum Reichsparteitag in Nürn­berg auf­marschieren und vor Hitler
paradieren durfte: «Vor dem Wagen standen der Stab­schef Lutze (Nach­fol­ger
von Röhm — d. Verf.), Göring, Heß, Pfeifer und Grup­pen­führer Manthey.» (
«Guben­er Zeitung» , 17. Sep­tem­ber 1935). Wer nicht mehr erwäh­nt wird, ist
Grup­pen­führer Kasche. Hat­te man ihn während der Röhm-Affäre beseit­igt« Oder
fiel er in Ungnade»

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