11. September 2013 · Quelle: Antifa

Zwischen Trauma und Hoffnung

Brandenburg an der Havel: Linkspartei erinnerte an Militärputsch in Chile / Exil-Chilenen berichteten über ihr Leben in Brandenburg

INFORIOT  Ali­cia Garate-Garay fühlt sich ein wenig alt. „Wir haben uns verän­dert“, sagte sie nach der Vor­führung ein­er Film-Doku­men­ta­tion über ihr Leben aus dem Jahr 1988, etwas melan­cholisch. Damals lebte Ali­cia bere­its 15 Jahre im Exil. Sie floh nach dem Mil­itär­putsch von Augus­to Pinochet gegen die demokratisch gewählte, sozial­is­tis­che Regierung Sal­vador Allen­des 1973 nach Argen­tinien und von dort aus weit­er in die dama­lige DDR.  Ali­cia kam schließlich nach Bran­den­burg an der Hav­el, das sie heute selb­st­be­wusst als erste Heimat beze­ich­net. Ihre Zweite liegt 17.000km weit weg und ist ihr mit­tler­weile fremd gewor­den. Nach 20 Jahren Exil hat­te Ali­cia Chile 1993 noch ein­mal besucht. Ver­traut kam ihr aber nichts mehr vor. Den­noch ist sie zumin­d­est über die poli­tis­chen Ereignisse im Lande im Bilde.

Düstere Erin­nerun­gen

Gestern saß Ali­cia zusam­men mit ihrem Sohn Chris­t­ian und Ricar­do Fon­se­ca, einem in Berlin leben­den Exil-Chile­nen, auf dem Podi­um ein­er Gespräch­srunde zur Erin­nerung an den 11. Sep­tem­ber 1973. Die Ver­anstal­tung, an der unge­fähr 50 Men­schen teil­nah­men, fand im gel­ben Salon des Fontanek­lubs in Bran­den­burg an der Hav­el statt. Die Partei DIE.LINKE hat­te dazu ein­ge­laden. Ein­stim­mend in die The­matik wur­den Gedichte der bei­den chilenis­chen Nobel­preisträger  Gabriela Mis­tral und Pablo Neru­da rez­i­tiert sowie Lieder von Vic­tor Jara vor­ge­tra­gen. Die eben­falls gezeigten Film­doku­men­ta­tio­nen, die den 11. Sep­tem­ber 1973 noch ein­mal plas­tisch vor Augen riefen: die Bom­bardierung des Präsi­den­ten­palastes, die Folter, die Morde,  der Tod Vic­tor Jaras, hin­ter­ließen tiefe Ein­drücke, auch heute noch.

Glück­lich­es Leben in Bran­den­burg

Auch bei Ali­cia, die seit nun­mehr 39 Jahren in Bran­den­burg an der Hav­el lebt. Es hat viel Kraft gekostet, hier neu anz­u­fan­gen, sagt sie. Ihr Mut machte das gute soziale Kli­ma. Ihr Mann fand eine ange­se­hene Stelle im Stahlw­erk, für ihre Kinder standen Kindergärten und Schulen offen. Auch die Chan­cen studieren zu kön­nen waren hier viel bess­er, als in der alten Heimat. Die Kinder von Ali­cia nah­men dieses Geschenk dank­end an, ging es doch darum, sich irgend­wann in Chile mit Hil­fe des deutschem Studi­ums eine bessere Zukun­ft auf­bauen zu kön­nen.

In der fer­nen Heimat im Südosten Lateinamerikas war und ist studieren näm­lich nur sehr weni­gen Men­schen vor­be­hal­ten, berichtet Ricar­do Fon­se­ca. Er kam 1973 aus Chile in die DDR, lebte zunächst in Eisen­hüt­ten­stadt, dann in Leipzig und zog schließlich ins „Allen­de­vier­tel“ nach Berlin. Auch ihm ist, wie Ali­cia, das poli­tis­che Leben im Anden­staat nur geografisch fern. Ein Studi­um, so Ricar­do, kostet in Chile zwis­chen 5.000,- und 20.000,- US Dol­lar. Das dor­tige Bil­dungssys­tem ist im Zuge der Ein­führung des neolib­eralen Wirtschaftssys­tems unter Pinochet pri­vatisiert wor­den und damit für die unteren Bevölkerungss­chicht­en de fac­to tabu.

Man kann in Chile gut leben“, sagt Ali­cia, „aber nur wenn man gut ver­di­ent“. Die Scherenspanne zwis­chen armen und reichen Bevölkerungss­chicht­en sei größer gewor­den. Den­noch gebe es Hoff­nung und zwar in ganz Lateinameri­ka, bekräftigt Chris­t­ian, Alicia´s Sohn. Er sehe pos­i­tive Ansätze im Kampf der dor­ti­gen sozialen Bewe­gun­gen.

Chile quo vadis?

Auch in Chile kön­nte es, zumin­d­est aus der Sicht Ali­cias, Chris­tians und Ricar­dos, pos­i­tive Verän­derun­gen geben. Denn am 17. Novem­ber 2013 kön­nen die Wähler_innen dort näm­lich über ein neues Lan­des­ober­haupt bes­tim­men. Gute Chan­cen hat dies­mal wieder die bere­its zwis­chen 2006 und 2010 amtierende, ehe­ma­lige sozial­is­tis­che Präsi­dentin Michelle Bachelet. Sie hat­te während der Dik­tatur Pinochets eben­falls im DDR-Exil gelebt und ste­ht heute an der Spitze der sozialen Reform­be­we­gung im Land, die sich heute vor allem gegen die ultra­kon­ser­v­a­tive Poli­tik des amtieren­den Präsi­den­ten Pin­era richtet. Pin­era, der u.a. Haupteign­er der chilenis­chen Flugge­sellschaft ist, einen pri­vat­en Fernsehsender und eine Fußball­club besitzt, gilt als Chiles „Berlus­coni“. “Er führt das Land wie ein Unternehmer“, sagt Ali­cia, und meint damit das fehlende soziale Engage­ment. Sie hofft, wie auch Chris­t­ian und Ricar­do, auf einen Wahlsieg Michelle Bachelets.

Linkspartei kündigt weit­ere Ver­anstal­tung zu Chile an

DIE.LINKE in Bran­den­burg an der Hav­el hat inzwis­chen angekündigt, die The­matik weit­er zu ver­fol­gen, und plant eine weit­ere Ver­anstal­tung zu Chile im Novem­ber 2013, nach den dor­ti­gen Präsi­dentschaftswahlen.

weit­ere Presse­fo­tos: hier

 

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