29. Juni 2017 · Quelle: Inforiot

Emil Wendland ist unvergessen

INFORIOT — Zum 25. Mal jährt sich der Mord an Emil Wend­land in Neu­rup­pin. Am 01. Juli soll zum 25. Todestag eine Gedenkdemon­stra­tion in Neu­rup­pin stat­tfind­en.

„Nie­mand ist ver­ges­sen“. Gedenken an Emil Wendland in Neuruppin.

Nie­mand ist ver­ges­sen“. Gedenken an Emil Wend­land in Neu­rup­pin.


Emil Wend­land ist eines der 187 Todes­opfer rechter Gewalt in der Bun­desre­pub­lik nach 1990. Emil Wend­land war obdach­los. Seine Peiniger haben ihn mit dem Vor­satz „Pen­ner klatschen“ zu wollen im Neu­rup­pin­er Rosen­garten erstochen. Seit mehreren Jahren ver­suchen Neon­azis den Mord an Emil Wend­land zu ent­poli­tisieren und dies als eine Ver­ro­hung­stat darzustellen.
 
Infori­ot hat mit den Initiator_innen des Emil Wend­land – Gedenkens über ihr Vorhaben gesprochen.
IR: Zunächst ein Mal würde es uns und unsere Leser_innen inter­essieren, wer ihr seid. Kön­nt ihr uns einen kleinen Überblick zu eur­er Gruppe geben?
Wir sind ein Teil des JWP Mit­ten­Drin. Das Mit­ten­Drin ist ein linksalter­na­tiv­er Jugend­club, der nun mehr seit 23 Jahren in Neu­rup­pin existiert. Durch eine Haus­be­set­zung 1993 durch Jugendliche, die sich einen solchen Freiraum wie wir ihn jet­zt haben, wün­scht­en, wurde das Pro­jekt ins Leben gerufen. Die zen­trale Arbeit des Vere­ins ist let­z­tendlich einen Freiraum zu schaf­fen, zu erhal­ten und zu erweit­ern, der frei von Sex­is­mus, Ras­sis­mus, Chau­vin­is­mus und Frem­den­feindlichkeit ist – so zusagen einen Raum für Alle zu bieten, um sich dort zu tre­f­fen, ihre Zeit zu ver­brin­gen und sich selb­st und ihr soziales Zen­trum zu organ­isieren.
IR: Was hat euch dazu bewegt zu der Kam­pagne aufzu­rufen und wie ist der Stand eur­er Arbeit?
Seit 2012 gibt es nun bere­its dieses Gedenken. Damals set­zten sich Men­schen mit den Todes­opfern rechter Gewalt auseinan­der und stießen dort auf den 1992 ermorde­ten Emil Wend­land. Der 20. Todestag wurde dann zum Anlass genom­men, das Gedenken zu organ­isieren. Anfänglich gin­gen wir damals mit ein­er ganz klaren Forderung in die Kam­pagne und trat­en an die Stadt Neu­rup­pin her­an und forderten die Umbe­nen­nung ein­er Straße nach Emil Wend­land. Let­ztlich wurde sich nach ewigem Hin und Her und hitzi­gen Debat­ten auf eine Gedenk­tafel geeinigt, die nun heute an dem Platz ste­ht an dem er ermordet wurde. Vor 5 Jahren starteten wir das Gedenken eben­falls mit ein­er Demon­stra­tion durch Neu­rup­pin. Im Vor­feld gab es viele Infor­ma­tionsver­anstal­tun­gen in ver­schiede­nen Läden der Stadt zur The­matik. In den let­zten Jahren fand dann ein regelmäßiges Gedenken an seinem Todestag statt, in Form ein­er kleineren Kundge­bung mit jew­eils 50 Men­schen. Anlässlich des 25. Todestages woll­ten wir das The­ma „Opfer rechter Gewalt“ wieder mal mehr in den öffentlichen Focus der Stadt rück­en, die Men­schen die zu uns kom­men über die The­matik aufk­lären und allen Opfern gedenken, um zu ver­hin­dern, dass nie­mand vergessen wird.
IR: Wie sah das Gedenken an Emil Wend­land in Neu­rup­pin zuvor aus?
Vor unserem Gedenken 2012 fand kein Gedenken an Emil Wend­land statt.
IR: Habt ihr im Rah­men eur­er Kam­pagne weit­ere Recherchen zu Emil Wend­lands Leben unter­nom­men? Falls ja, wie gestal­teten sich diese und hat­tet ihr Schwierigkeit­en an Infor­ma­tio­nen zu kom­men?
Zu Beginn des Gedenkens recher­chierten wir in den Archiv­en der lokalen Zeitun­gen nach Mel­dun­gen, die seinen Tod aber auch sein Leben betrafen. Viel war jedoch dort nicht zu find­en. Es gab um den 1. Juli 1992 nur kurze Mel­dun­gen zu seinem Tod. Auch über sein Leben war nur wenig her­auszufind­en. Wir schal­teten Anzeigen, um Per­so­n­en aus­find­ig zu machen, die in irgen­dein­er Art und Weise ihn als Men­schen beleucht­en kon­nten. Es fan­den sich jedoch nur Einzelper­so­n­en, die nur wenig über Wend­land erzählen kon­nten. Let­ztlich fan­den wir in den Urteilsverkün­dun­gen, die notwendi­gen Infor­ma­tion zu seinem Tod.
IR: Im Rah­men des Gedenkens soll nicht nur am 01. Juli eine Demon­stra­tion in Neu­rup­pin stat­tfind­en. Was ist von eur­er Seite aus alles geplant?
Die Kam­pagne ist ja jet­zt schon bald vor­bei. In den let­zten 2 Monat­en organ­isierten wir jedoch ver­schiede­nen Infor­ma­tionsver­anstal­tun­gen, die jedoch alle möglichen The­menge­bi­ete abgrif­f­en. So fand eine Ver­anstal­tung mit LGBTIQ Geflüchteten statt, die über ihr Leben in ihren Län­dern und nach der Flucht in Deutsch­land erzählten. Weit­er­hin besuchte uns Bernd Langer und erzählte von seinem neuen Buch „Kun­st & Kampf“. Eine weit­ere Ver­anstal­tung zum The­ma „Opfer rechter Gewalt“ ist noch geplant und außer­dem hängt seit dem 24. Juni die Ausstel­lung „Todes­opfer rechter Gewalt“ der Opfer­per­spek­tive im Alten Gym­na­si­um in Neu­rup­pin. Im Vor­feld der Demo ist noch eine Podi­ums­diskus­sion geplant, die sich mit der Frage beschäfti­gen soll, wie ein Gedenken an die Opfer gestal­tet wer­den kann, region­süber­greifend und Hand in Hand mit anderen Gedenk­ini­tia­tiv­en.
IR: Seit mehreren Jahren ver­suchen Neon­azis um die Freien Kräfte Neu­rup­pin das Gedenken zu Emil Wend­land zu ent­poli­tisieren und den Fall als eine Ver­ro­hung­stat darzustellen. Wie wertet ihr diesen Vorstoß und ist dieses Jahr mit ähn­lichen Störak­tio­nen der Neon­azis zu rech­nen?
Uns macht­en deren Aktio­nen in Bezug auf Wend­lands Tod völ­lig fas­sungs­los. So eine Dreistigkeit zu besitzen und die Umstände so zu ver­drehen und als Tat sub­kul­tureller Per­spek­tivlosigkeit hinzustellen, macht uns wütend. Schw­er zu sagen, wie man so etwas werten soll. Let­ztlich ist es nur ein weit­er­er Verzug von ihrer faschis­tis­chen Ide­olo­gie abzu­lenken und sich als bürg­er­nah darzustellen, die dama­li­gen Gegeben­heit­en der 90er Jahre klein zu reden und sich in die Öffentlichkeit zu rück­en. Ihre Kundge­bun­gen kön­nen jeden­falls nicht als Erfolg anerkan­nt wer­den. Fast jedes Jahr gab es gegen ihre Ver­anstal­tun­gen mehrere Störak­tio­nen. Wir wis­sen nicht, ob es in diesem Jahr wieder zu Aktio­nen der Nazis kom­men wird – bish­er hal­ten sie sich jeden­falls verdeckt. In der Pla­nung der Demon­stra­tion berück­sichtigten wir die let­zten Jahre natür­lich und ver­suchen ihnen den Raum auf dem Schulplatz durch die Route zu nehmen. Fly­er­ak­tio­nen, wie in den let­zten Jahren fan­den bish­er noch nicht statt. Generell sind die Freien Kräfte bis auf kleinere Aktio­nen in diesem Jahr sehr inak­tiv, sowieso richt­en sie ihren Fokus kaum noch auf Neu­rup­pin, da die meis­ten ihrer organ­isierten Demon­stra­tion block­iert wer­den und sie in Neu­rup­pin keinen Fuß fassen kon­nten.
IR: Lange Zeit galt Emil Wend­land als eines der Fälle, die durch die Bun­desregierung offiziell nicht als Opfer rechter Gewalt gal­ten. Nach­dem eine Studie des Moses-Mendelssohn-Zen­trums der Uni­ver­sität Pots­dam den Fall unter­sucht hat und ihn als poli­tisch eingeschätzte, zog dann das Bran­den­burg­er Innen­min­is­teri­um nach. Nun gilt Emil Wend­land als „anerkan­nt“. Wie bew­ertet ihr die Studie und was hat sich mit der Anerken­nung des Falls für eure Gedenkar­beit geän­dert?
Wir sind froh das Wend­land nun anerkan­nt ist und find­en es auch äußerst wichtig, dass er nun zu den offiziellen Opfern rechter Gewalt zählt. Let­ztlich soll es jedoch in unser­er Arbeit nicht nur darum geht. Es gibt noch viel zu viele Fälle, die bis heute ungek­lärt sind und wie wir denken, viel zu viele Men­schen, die von Faschist_innen ermordet wur­den und bis heute nicht anerkan­nt sind. Das machte die Ausstel­lung der Opfer­per­spek­tive nun auch nochmal deut­lich. Was jedoch eine Anerken­nung nicht ver­hin­dern kann, ist, dass solche Tat­en weit­er­hin geschehen wer­den, ger­ade weil sich die Lage immer weit­er zus­pitzt und es nur eine Frage der Zeit ist, bis wieder Men­schen durch Faschist_innen ster­ben wer­den. Deshalb ist es wichtig, unser Gedenken fort zuführen und nicht nur auf Emil Wend­land zu richt­en son­dern auf alle Opfer. Wir wün­schen uns eine Zusam­me­nar­beit mit allen anderen Gedenk­ini­tia­tiv­en, so dass die Opfer nicht in Vergessen­heit ger­at­en und dieses The­ma regelmäßig in der Öffentlichkeit ste­ht.
Vie­len Dank für das Inter­view!
Antifaschis­tis­che Demon­stra­tion in Gedenken an Emil Wend­land:
01.06.2017 | 12:00 | Bhf. Neu­rup­pin-West
Alle Infor­ma­tio­nen zur Kam­pagne: hier.

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