4. April 2015 · Quelle: Fußball gegen Nazis

Auch unsere Kurve ist nicht frei von Sexismus”

Die Gruppe FMT*BBG mit einem abge­wan­del­ten Zitat von Rosa Lux­em­burg Quelle: FMT*BBG

In der ver­gan­genen Woche beschäftigte sich Fussball-gegen-Nazis.de mit Sex­is­mus in der Fan- und Ultra­kul­tur des Män­ner­fußballs, Frauen-Ultra­grup­pen als Möglichkeit der Emanzi­pa­tion und dem Fan­block als Raum für untyp­is­che Geschlechterk­lis­chees. Dazu haben wir jet­zt mit Lotte von der Ultra­gruppe Frauen*Mädchen*Trans* Babels­berg gesprochen. Die Gruppe kri­tisierte im let­zten Jahr, dass durch “dum­mdeutsches männlich­es Pro­llover­hal­ten” einiger Ultras das “Bild eines mack­ri­gen, sportlich ver­sof­fe­nen Typen als Vor­bild an den Kur­ven­nach­wuchs trans­portiert wird”. Lotte ist seit 14 Jahren in der Nord­kurve Babels­berg aktiv.
Von Fred­erik Schindler
FS: Wie kam es zur Grün­dung der Frauen*Mädchen*Trans*-Gruppe, seit wann existiert ihr und wieviele Men­schen organ­isieren sich unge­fähr in eurem Zusam­men­schluss?
FMT*BBG: Unsere Gruppe wurde Anfang 2014 gegrün­det. Wir haben ja eine rel­a­tiv über­schaubare und famil­iäre Kurve in Babels­berg. Wir Frauen* haben da ähn­liche Erfahrun­gen gemacht – und nicht nur gute, was natür­lich verbindet. Um unsere Kräfte zu bün­deln, haben wir uns zusam­mengeschlossen, momen­tan sind 7 Frauen* in der Gruppe aktiv.
Zum Frauen*kampftag 2014 habt ihr das Karl-Liebknecht-Sta­dion sym­bol­isch in Rosa-Lux­em­burg-Sta­dion umbe­nan­nt, erst­mals eure Zaun­fahne präsen­tiert und einen Fly­er gegen Sex­is­mus und Mack­er­tum in der Kurve verteilt. Wie waren die Reak­tio­nen darauf?
Die Rück­mel­dun­gen waren durch­weg pos­i­tiv. Dazu muss allerd­ings gesagt wer­den, dass wir eine sehr poli­tis­che Kurve sind und klar anti­sex­is­tisch, anti­ho­mo­phob und anti­ras­sis­tisch aus­gerichtet sind. Deshalb haben wir keinen mas­siv­en Wider­stand erwartet, allerd­ings repräsen­tiert die Nord­kurve Babels­berg auch nicht die Norm der deutschen Ultra­kul­tur. In anderen Kur­ven wären solche Aktio­nen lei­der undenkbar. Wir haben von anderen Grup­pen und auch vom Fan­pro­jekt Respekt und Anerken­nung bekom­men. Allerd­ings find­et auch nicht über­all eine Selb­stre­flex­ion statt, ger­ade was das The­ma Mack­er­tum ange­ht. Auch unsere Kurve ist nicht frei von Sex­is­mus und Ras­sis­mus, auch hier gibt es sex­is­tis­che Belei­di­gun­gen. Und auch das Ver­hal­ten einiger Fans auf Auswärts­fahrten ist prob­lema­tisch, da wer­den Frauen* oft­mals nicht richtig ern­stgenom­men.
Es gibt in deutschen Fan­szenen nur wenige Frauen in Ultra­grup­pen und noch weniger Frauen-Ultra­grup­pen — ihr seid sog­ar die einzige, die unab­hängig von ein­er offe­nen Gruppe agiert. Woran liegt das? Was sind in Bezug auf Sex­is­mus die größten Prob­leme in der Ultra­szene?
Weib­lich gele­sene Men­schen in der Fan­szene müssen sich immer wieder erk­lären, beweisen und pro­fil­ieren. Wer da aus der Masse her­aussticht – und das machen Frauen* im Män­ner­fußball automa­tisch – muss auch auf bes­timmte Reak­tio­nen gefasst sein, das möchte nicht jede. Ger­ade, wenn man dann noch Sex­is­mus anprangert, wird man oft belächelt oder stumm gemacht. Viel zu oft gel­ten Frauen* im Sta­dion noch als “die Fre­undin von…”. Was es zudem gibt, ist eine Konkur­ren­zsi­t­u­a­tion zwis­chen aktiv­en Frauen*, was ein sol­i­darisches Miteinan­der erschw­ert. Das ist schade, denn wir prof­i­tieren vom Frauen*schutzraum, in dem der auf Frauen* aus­geübte Druck abge­baut wer­den kann. Lei­der ist dieses Empow­er­ment nicht in allen Kur­ven erwün­scht. Wir ver­suchen außer­dem, Het­ero­nor­ma­tiv­ität und Zweigeschlechtlichkeit zu hin­ter­fra­gen und auch zu the­ma­tisieren, dass die Sit­u­a­tion von Men­schen, die von Ras­sis­mus oder Trans­pho­bie betrof­fen sind, noch schwieriger ist.
Gibt es denn auch eine Ver­net­zung mit anderen Grup­pen?
Auf per­sön­lich­er Ebene gibt es Kon­tak­te zu Frauen* aus Jena, Bre­men und St. Pauli. Diese Ver­net­zung wür­den wir gerne noch ausweit­en und haben deshalb im let­zten Jahr am Work­shop-Woch­enende der Ini­tia­tive F_in Frauen im Fußball in Neuhar­linger­siel teilgenom­men.
Im Juni seid ihr für das näch­ste, mit­tler­weile 11. F_in-Tre­f­fen ver­ant­wortlich. Worum geht es und an wen richtet sich die Ein­ladung?
Es ist ein Net­zw­erk­tr­e­f­fen für Frauen* aus der aktiv­en Fan­szene im deutschsprachi­gen Raum. Das erste Mal wird es von ein­er eige­nen Frauen*gruppe organ­isiert, in Zusam­me­nar­beit mit dem Fan­pro­jekt Babels­berg, das mit Tine Stern als Mitar­bei­t­erin eine tolle und engagierte Arbeit leis­tet. Im Vorder­grund ste­ht der Aus­tausch von Erfahrun­gen, es wird auch Work­shops zum The­ma Selb­ster­mäch­ti­gungsstrate­gien und Empow­er­ment geben, außer­dem referiert Mag­da Albrecht zum The­ma Kör­per­normierun­gen. Wir tre­f­fen uns vom 19. bis zum 21. Juni in Babels­berg, ein paar freie Plätze gibt es noch!
Mehr im Netz:
“Ein­fach nur Ultra unter Ultras sein – das wär was!” – Fussball-gegen-Nazis.de über den Auss­chluss von Frauen in der Fankul­tur
Frauen* in die Kurve – alles andere ist Quark! 11. F_in Ver­net­zungstr­e­f­fen in Pots­dam, 19.–21.6.2015

Arte Tracks über weib­liche Ultras – sieben­minütiger Fernse­hbeitrag
DIE WELT fragt sich: Wie schw­er haben es Frauen in der Ultra-Szene?
Län­ger­er Beitrag von Nicole Selmer über weib­liche Fans im Män­ner­fußball
New Girls in the Block – Frauen in der Ultra­szene. Aus­führlich­er Beitrag von Hei­di Thaler

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