6. März 2016 · Quelle: Kampange "fighting for 20 years"

Auswertung der Kampagene „fighting for 20 years“

Am 07. Novem­ber ver­gan­gen Jahres starteten wir unsere Kam­pagne zum 20. Todestag des alter­na­tiv­en Jugendlichen Sven Beuter in Bran­den­burg an der Hav­el. Das Datum war bewusst gewählt, denn am 07. Novem­ber 1992 ermorde­ten am Kolpin­see bei Lehnin drei Neon­azis den woh­nungslosen Rolf Schulze. Seit dem Jahr 2012 organ­isieren antifaschis­tis­che Grup­pen aus Bran­den­burg an der Hav­el und der Kreisver­band der Partei DIE.LINKE gemein­sam Gedenkver­anstal­tun­gen. Seit ver­gan­genem Novem­ber ist viel passiert: Wir organ­isierten zahlre­iche Abend­ver­anstal­tun­gen, darunter Vorträge, Filmabende und Podi­ums­diskus­sio­nen, wur­den zu etlichen Infor­ma­tionsver­anstal­tun­gen im Land Bran­den­burg, Berlin und Ham­burg ein­ge­laden und sind auf viel pos­i­tives Feed­back gestoßen. Im Fol­gen­den wollen wir primär auf die Demon­stra­tion am 20. Feb­ru­ar einge­hen, denn zu vie­len anderen Ver­anstal­tun­gen und The­men haben wir uns auf dem Blog geäußert und kön­nen dort nach wie vor nachge­le­sen wer­deni.
–Antifa in der Krise?–
Wir haben uns in einem unser­er Texte sehr aus­giebig mit dem Ver­hält­nis von Dorf- zu Stad­tan­tifa auseinan­derge­set­zt. Seit der Pub­lika­tion kurz vor Wei­h­nacht­en im ver­gan­genen Jahr ist viel passiert. Andere Grup­pen oder Per­so­n­en haben sich eben­falls zur The­matik geäußert. Es gab eine große Welle der Sol­i­dar­ität von Grup­pen aus Berlin und Pots­dam, die uns nicht nur zu Infover­anstal­tun­gen und Podi­ums­diskus­sio­nen ein­ge­laden haben, son­dern auch Hil­fe bei der Durch­führung der Demon­stra­tion anboten. In diesem Rah­men möcht­en wir uns noch ein­mal bei allen uns unter­stützen­den Grup­pen bedanken.
Nicht nur, dass die Sol­i­dar­ität zwis­chen Stadt und Dorf in den ver­gan­gen Wochen deut­lich spür­bar gewor­den ist, son­dern auch andere Dorf-Grup­pen haben begonnen eigene Ver­anstal­tun­gen zu organ­isieren. So gab es unter anderem in Oranien­burg eine kraftvolle anti­ras­sis­tis­che Demon­stra­tion und auch in Neu­rup­pin wird für eine anti­ras­sis­tis­che Demon­stra­tion am 12. März gewor­ben. Wir hof­fen, dass das Engage­ment der Dorf- und Stadt­grup­pen kein kurzweiliges ist, son­dern sich neue Syn­ergien ergeben. Denn nur gemein­sam kön­nen wir in den Kle­in­städten und Dör­fern eine neue antifaschis­tis­che Bewe­gung ini­ti­ieren, die den Rassist_innen und Neon­azis vor Ort den momen­tan noch nahrhaften Boden entzieht. Gle­ichzeit­ig eröffnet eine starke Dor­fan­tifa neue Möglichkeit­en und Per­spek­tiv­en für antifaschis­tis­che Grup­pen in den Städten.
Bran­den­burg an der Hav­el gehört zu den Bran­den­bur­gis­chen Städten, die momen­tan nur sehr wenig durch ras­sis­tis­che oder neon­azis­tis­che Grup­pierun­gen fre­quen­tiert wer­den, aus diesem Grund wer­den wir ver­mehrt andere Grup­pen unter­stützen, so zum Beispiel unsere Freund_innen in Rathenow. Dort wollen Per­so­n­en des Bürg­er­bünd­nis Deutsch­land einen ras­sis­tis­chen Großauf­marsch mit 1.000 Teil­nehmenden durch­führen. Dieses Treiben wollen wir nicht unwider­sprochen hinzunehmen!
–Antifaschis­tis­che Demon­stra­tion–
Die Demon­stra­tion startete plan­mäßig nach vier Rede­beiträ­gen. Die erste Zwis­chenkundge­bung fand auf dem Neustädtis­chen Markt statt. Von dort ging es nicht wie geplant zum let­zten Wohnort von Sven Beuter in die Müh­len­torstraße son­dern direkt in die Havel­straße, dem Ort, an dem der bru­tale Angriff 20 Jahre zuvor stat­tfand. An der im Jahr 2007 ver­legten Gedenkplat­te in der Havel­straße angekom­men, the­ma­tisierten ver­schiedene Beiträge den Tod Sven Beuters, aber auch die Ermor­dung zahlre­ich­er ander­er Men­schen aus ras­sis­tis­chen, sozial­dar­win­is­tis­chen und neon­azis­tis­chen Motiv­en. Im Anschluss wur­den jew­eils ein Gebinde der Antifa Jugend Bran­den­burg und der Partei DIE.LINKE niedergelegt, das Zweite vom Vor­sitzen­den des Kreisver­ban­des Bran­den­burg an der Hav­el gemein­sam mit Nor­bert Müller MdB (DIE.LINKE). Im Anschluss stell­ten alte Weggefährt_innen von Sven Beuter einige Flaschen Bier am Gedenkstein hin, um so auf ihre Art an den jun­gen Mann zu erin­nern, war er doch auf dem Weg zum Bier holen, ange­grif­f­en wor­den. Im Anschluss set­zte sich der Demon­stra­tionszug wieder Rich­tung Haupt­bahn­hof in Bewe­gung. Dort wurde die Ver­anstal­tung nach ein­er kurzen Abschlusskundge­bung aufgelöst und für been­det erk­lärt. Fes­t­nah­men, Per­son­alien­fest­stel­lun­gen oder ähn­lich­es waren während des gesamten Ver­laufs nicht zu beobacht­en.
Die Entschei­dung, die Route abzukürzen hat­te zum Ziel, reise­freudi­gen Antifaschist_innen die Möglichkeit zu geben, im Anschluss an unsere Demon­stra­tion nach Frankfurt/Oder zu fahren und die Men­schen von dort bei den Protesten gegen einen ras­sis­tis­chen Auf­marsch zu unter­stützen. Aus diesem Grund war es wichtig, spätestens um um kurz vor 14 Uhr wieder am Haupt­bahn­hof zu sein. Bei dem Auf­marsch in der Oder­stadt nahm unter anderem auch der Totschläger Sascha L. mit sein­er Fre­undin teil.
–Die Stadt–
Was wurde nicht seit Beginn des Jahres 2016 unter­nom­men um unsere Demon­stra­tion in ein schlecht­es Licht zu rück­en. Lokalpolitiker_innen der SPD, der CDU und der AfD beschwörten Hor­rorszenar­ien von 500 Autonomen her­auf, die die Stadt in Schutt und Asche zer­legen wür­den. Hier­bei tat sich beson­ders der SPD-Poli­tik­er und ehe­ma­lige Polize­ichef Nor­bert Langer­wisch her­vor. So schwadronierte er unter anderem, dass er den seit Jahren andauern­den Ver­such, Sven Beuter zu einem Helden zu stil­isieren ablehneii. Wir stellen hier­mit nochmal in aller Deut­lichkeit dar: Es ging uns und den anderen Organisator_innen der ver­gan­gen Gedenkver­anstal­tun­gen nie darum, Sven Beuter zu einem Helden zu machen, son­dern es ging immer darum, die Hin­ter­gründe seines Todes klar zu benen­nen. Dieser wird jedoch häu­fig ger­ade von den Men­schen aus­ge­blendet, die behaupten, er würde von uns zu einem Helden stil­isiert wer­den.
Wir find­en es sehr bedauer­lich, dass die Diskri­m­inierung und Ablehnung die Sven Beuter vor seinem Tod erfahren hat, sich heute weit­er fort­set­zt. Beson­ders beschä­mend ist hier­bei die Aus­sage von Wal­ter Paaschen, CDU, dass er unter keinen Umstän­den ein­er „wie auch immer geart­eteten zusät­zlichen Beuter-Ehrung“iii zus­tim­men wird. Paaschen gehört somit auch zu den Men­schen, die nicht ver­ste­hen, dass es in Zeit­en, in denen der Totschläger Beuters wieder in der Stadt wohnt und regelmäßig an neon­azis­tis­chen und ras­sis­tis­chen Kundge­bun­gen und Aufmärschen teil­nimmt, sowie Geflüchtete in der Havel­stadt belei­digt, bedro­ht und ange­grif­f­en wer­den, es einen Bran­dan­schlag auf eine noch nicht bewohnte Geflüchteten­no­tun­terkun­ft gab, genau diesen Rassist_innen und Neon­azis der Rück­en gestärkt. Wir lehnen dieses klas­sis­tis­che Welt­bild klar ab, in dem Men­schen nur auf­grund ihrer Lebensweise, ihrer Klam­ot­ten oder anderen Dinge, die ange­blich von der Norm abwe­ichen, dif­famiert und zu Opfern gemacht wer­den ab.
Die AfD, die seit der Kom­mu­nal­wahl im Jahr 2014 mit drei Abge­ord­neten in der SVV sitzt und ein Bürg­er­büro in der Alt­stadt unter­hält, tat sich durch beson­deres Unken­nt­nis der Gedenken der ver­gan­gen Jahre und reißerische Het­ze her­vor. Hinzu kommt die Stig­ma­tisierung alter­na­tiv­en Lebensweisen durch den AfD-Poli­tik­er Klaus Riedels­dorf, wenn er schreibt, dass Sven Beuter als Punk „sich­er kein ver­di­en­stvoller Bürg­er der Stadt war“iv. Des Weit­eren behauptet er, es würde im Rah­men des Gedenkens immer wieder zu „gewalt­täti­gen, link­sex­trem­istis­chen Ausschreitungen“v kom­men. Wir leug­nen nicht, dass es im Jahre 1997 zu Auss­chre­itun­gen kam, hier gilt es jedoch die Ursachen klar zu benen­nen: Neon­azis provozierten am Rande der Gedenkde­mo und erhiel­ten von den Cops keine Platzver­weise und nur wenige Tage zuvor, am 08. Feb­ru­ar 1997, wurde der Punk Frank Böttch­er im nahegele­ge­nen Magde­burg bru­tal von Neon­azis ermordet. Sei­ther gab es, von link­er Seite, keine Auss­chre­itun­gen oder ähn­lich­es. Gle­ichzeit­ig ver­schweigen Wal­ter Paaschen, Klaus Riedels­dorf und Nor­bert Langer­wis­che jedoch die wieder­holten Pro­voka­tio­nen durch Neon­azis am Rande der Gedenkkundge­bun­gen. So ver­sucht­en 1998 vier Neon­azis mit einem Gewehr auf die Gedenk­enden zu schießen, dies wurde jedoch von den Cops unter­bun­den­vi, 2012 sprayten Neon­azis den Slo­gan „AFN zerschlagen“vii im Umfeld der Gedenkplat­te und beobachteten die Gedenkver­anstal­tungvi­ii und im Jahr 2015 provozierte der Totschläger mit vier weit­eren Neon­azis die Gedenk­endenix.
Man muss jedoch Nor­bert Langer­wisch und Klaus Riedels­dorf zu geste­hen, dass sie sich selb­st von dem Geschehen rund um die Demo ein Bild macht­en. Im Gegen­satz zu Nor­bert Langer­wisch, beobachtete Riedels­dorf die Ver­anstal­tung aus der Ferne und suchte, nach dem er erkan­nt wurde, das Weite.
Zusam­men­fassend lässt sich sagen, dass die Erwartun­gen der Lokalpolitiker_innen nicht erfüllt wur­den und die Demon­stra­tion friedlich und kraftvoll durch die Havel­stadt zogen. Selb­st dem SKBx und der MAZxi viel es schw­er, neg­a­tiv über die Ver­anstal­tung zu bericht­en und so mussten einige „Ver­mummte“ her­hal­ten um die Demon­stra­tion als gefährlich zu diskred­i­tieren.
–Die Cops–
Es war für uns von Beginn an sehr schw­er einzuschätzen, wie sich die Cops am 20. Feb­ru­ar ver­hal­ten wer­den, denn ger­ade die Entwick­lun­gen in Pots­dam, wo jeden Mittwoch 1.000 Polizeibe­di­en­stete, Wasser­w­er­fer und Räum­fahrzeuge das Stadt­bild prä­gen, sprach für eine erhöhte Präsenz während unser­er Demon­stra­tion. Als wir jedoch gegen 10.30 Uhr am Ver­samm­lung­sort ein­trafen, waren weit und bre­it keine Polizist_innen zu sehen, erst 15 Minuten später trafen nach und nach sechs Hal­b­grup­penkraft­wa­gen und cir­ca fünf Streifen­wa­gen ein. Während der kom­plet­ten Ver­anstal­tung beschränk­ten sich die Bedi­en­steten auf das Regeln des Verkehrs. Wir sind natür­lich froh, dass es keine Fes­t­nah­men von und Anzeigen gegen die Demon­stri­eren­den gab. Gle­ichzeit­ig sind wir etwas trau­rig, denn wir es wäre eine Ehre für die Antifa Jugend Bran­den­burg gewe­sen, wenn es wenig­stens ein Wasser­w­er­fer, auch wenn es nur ein altes Mod­ell aus Berlin gewe­sen wäre, in die Havel­stadt geschafft hätte.
–Aus­blick–
Wir wer­den uns nicht auf der erfol­gre­ichen Demon­stra­tion aus­ruhen, auch, wenn sie unsere Erwartung weit übertrof­fen hat, son­dern weit­er aktiv sein. Momen­tan ist es in der Havel­stadt rel­a­tiv ruhig, sodass wir die Zeit die und die Kapaz­itäten haben, Struk­turen in anderen Städten, momen­tan beson­ders in Rathenow, zu unter­stützen. Gle­ichzeit­ig war der Rede­beitrag der Antifaschist_innen aus Burg für uns ein klares Sig­nal, den antifaschis­tis­chen Selb­stschutz weit­er auszubauen, um auf Angriffe durch Neon­azis und Rassist_innen reagieren zu kön­nen.
Wie schon geschrieben wer­den wir unsere Freund_innen im Land Bran­den­burg in Zukun­ft stärk­er unter­stützen:
‑05. März, Rathenow, Rassist_innenaufmarsch ent­ge­gen­treten
‑09. März, Pots­dam, Rassist_innenaufmarsch ent­ge­gen­treten
‑12. März, Neu­rup­pin, Anti­ras­sis­tis­che Demon­stra­tion
‑17. April, Bran­den­burg an der Hav­el, GAY-Pride
Antifa Jugend Bran­den­burg
i. http://fightingfor20years.blogsport.de
ii. MAZ, 20. Jan­u­ar 2016.
iii. MAZ, 16. Jan­u­ar 2016.
iv. SVV-Newslet­ter der AfD, 27. Jan­u­ar 2016.
v. SVV-Newslet­ter der AfD, 27. Jan­u­ar 2016.
vi. MAZ, 16. Feb­ru­ar 1998.
vii. AFN – Antifaschis­tis­chen Net­zw­erk Bran­den­burg-Prem­nitz-Rathenow.
viii. http://afn.blogsport.de/2012/02/16/gedenkkundgebung-in-brandenburg-an-der-havel/.
ix. https://www.flickr.com/photos/presseservice_rathenow/16407117008/in/album-72157650926221092/.
x. SKB, 22. Jan­u­ar 2016.
xi. MAZ, 22. Jan­u­ar 2016.

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