26. Januar 2016 · Quelle: Antifaschistische Recherche_Potsdam//Umland

Pegida“-Potsdam – Rassist_innen und Neonazis

Der Neonazi Christian Müller am 24. Januar 2016 auf einer Aufführung der „Langen Kerls“ am Schloss Sanssouci

Der Neon­azi Chris­t­ian Müller am 24. Jan­u­ar 2016 auf ein­er Auf­führung der „Lan­gen Kerls“ am Schloss Sanssouci


Nun also Pots­dam. Früher oder später musste es den Ver­such geben, auch in Pots­dam die ras­sis­tis­che Stim­mungs­mache auf den Straßen zu forcieren. Nach­dem im Spätherb­st 2014 ein Ver­such scheit­erte, ist es nun eine lose Grup­pierung um den Neon­azi Chris­t­ian Müller, die mit dem Label „Pegi­da“ ver­sucht neon­azis­tis­chen, ras­sis­tis­chen und ver­schwörungside­oloigschen Inhal­ten in Form von „Abendspaziergän­gen“ eine Bühne zu geben.
Bere­its von Beginn an war klar, dass offen­sichtliche Verbindun­gen zu neon­azis­tis­chen Struk­turen beste­hen und diese zum Teil deck­ungs­gle­ich mit dem Organ­ista­tion­steam sind.
Anfang des Jahres wurde bekan­nt, dass am 11. Jan­u­ar eine ras­sis­tis­che Ver­samm­lung auf dem Bass­in­platz in Pots­dam stat­tfind­en soll. Am 8. Jan­u­ar gab dann der Pots­damer Chris­t­ian Müller auf ein­er ras­sis­tis­chen Ver­samm­lung in Oranien­burg bekan­nt, dass er für die Organ­i­sa­tion dieser Demon­stra­tion ver­ant­wortlich ist und dass der Berlin­er „Pegida“-Ableger „Bärgi­da“ diese auch unter­stützen und sich daran beteili­gen wird. [1] Mit zwei Bussen kamen schließlich auch etwa 100 Rassist_innen, Neon­azis und Hooli­gans im Anschluss an die „Bärgida“-Kundgebung von Berlin nach Pots­dam.
Der geplante Auf­marsch kon­nte durch antifaschis­tis­che Gegen­wehr ver­hin­dert wer­den und ein weit­er­er Ter­min für den zweit­en Ver­such des Ras­sist_in­nen-Auf­marsches ließ nach dem Frust auf Seit­en der „Pogida“-Teilnehmer_innen nicht lange auf sich warten.
Bei der Bewer­bung des für den am 20. Jan­u­ar geplanten Auf­marsches wurde klar, dass sich hier nicht nur die als „ver­wirrt“ dargestell­ten Rassist_innen wiederfind­en wer­den, son­dern organ­isierte Neon­azis aus unter­schiedlichen Struk­turen – NPD, „Der III. Weg“ und neon­azis­tis­che Hooli­gan-Zusam­men­schlüsse aus Berlin und Bran­den­burg.
Diese Ten­denz ist nicht erstaunlich. Seit über einem Jahr nutzen organ­isierte Neon­azis aus Bran­den­burg, und vor allem auch aus Pots­dam, die Möglichkeit sich an ras­sis­tis­chen Aufmärsche zu beteili­gen und damit direkt Ein­fluss auf deren Aus­rich­tung zu nehmen. Neben der reinen Beteili­gung spiel­ten und spie­len die neon­azis­tis­chen Zusam­men­hänge aus und um Pots­dam eine große Rolle in der Organ­isierung ras­sis­tis­ch­er Mobil­machung. Kam­pag­nen wie „Ein Licht für Deutsch­land gegen Über­frem­dung“ wur­den von Neon­azis aus Pots­dam und dem Umland ins Leben gerufen. [2] Mehrere Kundge­bun­gen gegen ver­meintlichen „Asylmiss­brauch“ wur­den durch Pots­damer Neon­azis und die neon­azi­sis­che Kle­in­st­partei „Der III. Weg“ ini­ti­iert und organ­isiert.
Aus Pots­dam nah­men im ver­gan­genen Jahr mehrere Neon­azis an ras­sis­tis­chen Aufmärschen in ganz Bran­den­burg und darüber hin­aus teil. Beispiel­sweise beteiligte sich der Pots­damer Recht­sRock-Musik­er und „Preussenstolz“-Sänger Patrick Danz regelmäßig an den ras­sis­tis­chen Demon­stra­tio­nen des „Bürg­er­bünd­nis Havel­land“ in Rathenow, die Mit­glieder der neon­azis­tis­chen Kle­in­st­partei „Der III. Weg“ Tim Borows­ki, Phillip Hinz­man oder Mar­tin Klahr zeigten sich eben­so bei ver­schiede­nen „Abendspaziergän­gen“ und anderen ras­sis­tis­chen Protesten. Für Pots­dam-Mit­tel­mark und Havel­land sind es vor allem Neon­azis von „Der III. Weg“ und NPD-Struk­turen, die sich aktiv in die ras­sis­tis­chen Diskurse ein­brin­gen. Maik Eminger und Mirko Kubel­er verteil­ten beispiel­sweise am 17. Juni 2015 in Dams­dorf Flug­blät­ter der Partei anlässlich ein­er „Anwohner­in­for­ma­tion“. [3]
Für die „besorgten“ Bürger_innen ist diese Präsenz neon­azis­tis­ch­er Struk­turen nicht störend – die Masse ist für ihre Diskurse entschei­den­der, als die konkrete Auseinan­der­set­zung mit den, schein­bar „nur“, Mit­laufend­en – schließlich eint sie der Gedanke des über­höht­en Nation­al­is­mus und des völkischen Ras­sis­mus. Dass in ganz Deutsch­land Neon­azis an den aktuellen ras­sis­tis­chen Diskursen teil­nehmen, die Ver­anstal­tun­gen besuchen oder diese organ­isieren ist sel­ten Grund zur Dis­tanzierung. Da ist es egal, ob die NPD die „Abendspaziergänge“ in Ober­hav­el steuert oder dass Neon­azi-Kad­er wie Maik Eminger oder Maik Schnei­der Rede­beiträge hal­ten, ist es egal, dass organ­isierte Neon­azis regelmäßig an den Ver­samm­lun­gen der ver­meintlich besorgten, tat­säch­lich aber ras­sis­tis­chen Bürger_innen teil­nehmen, diese maßge­blich bee­in­flussen und aus deren Schutz her­aus Peo­ple of Col­or, Antifaschist_innen oder Journalist_innen angreifen.
„Pogi­da-Abendspazier­gang“ als neon­azis­tis­che Demon­stra­tion
Im Wesentlichen han­delte es sich bei den bei­den Demon­stra­tionsver­suchen um einen mehr oder weniger klas­sis­chen Neon­azi­auf­marsch. Beim ersten Ver­such am 11. Jan­u­ar prägten noch haupt­säch­lich Rassist_innen aus Berlin das Bild der Ver­samm­lung. In der Hoff­nung, dass der zweite Ver­such erfol­gre­ich, durch die Polizei, durchge­set­zt wer­den kann, kamen am 20. Jan­u­ar auch organ­isierte Neon­azis aus Pots­dam zum Start­punkt von „Pogi­da“. Neben organ­isierten Pots­damer und Berlin­er Neon­azis aus dem Kam­er­ad­schafts- und Parteis­pek­trum waren auch zahlre­iche Neon­azis aus dem Hooli­gan­m­i­lieu anwe­send, welche vere­inzelt auch Quarzhand­schuhe auf der Ver­samm­lung tru­gen. Ergänzt wurde ihr deut­lich aggres­sives Auftreten, nicht wenige waren ver­mummt, mit Parolen wie „Hier marschiert der nationale Wider­stand“ oder gegen Antifaschist_innen gerichtete Sprechchöre. Min­destens eine Per­son zeigte den „Hit­ler­gruß“ und wurde am späten Abend aus dem kurzzeit­i­gen Gewahrsam ent­lassen. Weit­er­hin ver­sucht­en Rassist_innen Journalist_innen und Gegendemonstrant_innen einzuschüchtern und anzu­greifen.
Auf dem Bass­in­platz tum­melten sich außer­dem „Reichsbürger_innen“ und NPDler_innen aus Berlin und Bran­den­burg. Darunter waren auch Stephan Böh­lke, Christoph Kastius, Reichs­bürg­er aus Berlin, sowie Lars Gün­ther, Anmelder und Red­ner ein­er neon­azis­tis­chen Demon­stra­tion in Bad Freien­walde am 31. Okto­ber 2015. Diese wurde über die Face­book­seite „Bran­den­burg erwacht“ über­parteilich bewor­ben. [4]
Der NPD-Kader Maik Schneider am 20. Januar 2016 auf der „Pogida“-Demo – er trat in Verhandlung mit der Polizei um doch noch einen Aufmarsch durchführen zu können

Der NPD-Kad­er Maik Schnei­der am 20. Jan­u­ar 2016 auf der „Pogida“-Demo – er trat in Ver­hand­lung mit der Polizei um doch noch einen Auf­marsch durch­führen zu kön­nen


Aus NPD-Struk­turen beteiligte sich Maik Schnei­der an der „Pegida“-Veranstaltung am 20. Jan­u­ar in Pots­dam.
Bere­its im Vor­feld bewarb die NPD den geplanten ras­sis­tis­chen „Abendspazier­gang“ durch Pots­dam. Auch ließ die „Märkische All­ge­meine Zeitung“ (MAZ) Maik Schnei­der das Ver­hin­dern des ersten „Pogida“-Aufmarsches kom­men­tieren – ohne anscheinend zu wis­sen, dass sie einen NPD-Funk­tionär und Neon­azi-Kad­er inter­viewen. [5] Maik Schnei­der wird in diesem Jahr voraus­sichtlich sein Abitur an der Hein­rich-von-Kleist Schule in der Pots­damer Innen­stadt absolvieren. Erfahrun­gen, wie sich in ras­sis­tis­che Diskurse und „Nein zum Heim“-Gruppierungen einzu­mis­chen ist und wie die selb­ster­nan­nten „Wutbürger_innen“ durch seine Präsenz zu bestärken und zu lenken sind, hat er in der Ver­gan­gen­heit fleißig gesam­melt. Bei der mas­siv­en Störung ein­er „Anwohner­in­for­ma­tion“ in Nauen am 12. Feb­ru­ar 2015, wie auch bei mehreren dor­ti­gen ras­sis­tis­chen Ver­samm­lun­gen war er anwe­send bzw. fed­er­führend. [6]
Maik Schneider in Diskussion mit dem Anmelder Christian Müller

Maik Schnei­der in Diskus­sion mit dem Anmelder Chris­t­ian Müller


Auch bei der „Pogida“-Versammlung am 20. Jan­u­ar über­nahm er die Rolle des Organ­isators, nach­dem sich Chris­t­ian Müller erneut als unfähig erwies. Er redete auf den ursprünglichen Anmelder Müller per­ma­nent ein und nahm nach dessen Auflö­sung der Ver­anstal­tung selb­st die Zügel in die Hand. Dabei formierte er viele Teilnehmer_innen hin­ter sich und ver­suchte über die Guten­bergstraße doch noch einen Auf­marsch zu bew­erk­stel­li­gen. Dafür sprach er auch bei den ver­ant­wortlichen Polizeikräften vor.
Tim Borowski (Bildmitte, grüne Jacke, schwarz-gelbes T-Shirt) und Marco Helmstedt (direkt dahinter) am 20. Januar 2016 mit dem Überbleibsel der „Pogida“-Demonstration

Tim Borows­ki (Bild­mitte, grüne Jacke, schwarz-gelbes T‑Shirt) und Mar­co Helm­st­edt (direkt dahin­ter) am 20. Jan­u­ar 2016 mit dem Überbleib­sel der „Pogida“-Demonstration


Bere­its im MAZ-Artikel von 19. Jan­u­ar kündigt Chris­t­ian Müller an, dass seine Ver­anstal­tung auch Hooli­gans mit ihrer Anwe­sen­heit bere­ich­ern wer­den – wer sich jedoch nicht ben­immt, wird aus der Ver­anstal­tung aus­geschlossen. Er beschrieb, dass vor allem aus dem BFC und Hertha-Umfeld sich inter­essierte Rassist_innen und Neon­azis angekündigt haben. [7] Bere­its beim ersten „Pogida“-Auftritt, der durch Block­aden und direk­te Aktio­nen ver­hin­dert wer­den kon­nte, waren Neon­azis aus dem Fußball-Hooli­ganspek­trum anwe­send – beispiel­sweise die BFC-Anhänger Mar­cus Schiller und Sven Lisch.
Weit­er­hin waren der Werder­an­er Tim Borows­ki und Phillip Hinz­mann, bei­de aktive Mit­glieder bei „Der III. Weg“, auf der zweit­en „Pogida“-Veranstaltung anzutr­e­f­fen.
Phillip Hinzmann (ganz links mit grün-karrierter Mütze) am 20. Januar 2016 auf der „Pogida“-Demonstration

Phillip Hinz­mann (ganz links mit grün-kar­ri­ert­er Mütze) am 20. Jan­u­ar 2016 auf der „Pogida“-Demonstration


Auf Tim Borowskis neon­azis­tis­ch­er Ein­stel­lung und Prax­is wiesen wir bere­its vor weni­gen Wochen hin – er ist regelmäßiger Gast in der Selb­sthil­few­erk­statt nahe der Geflüchtete­nun­terkun­ft am Schlaatz, von der aus let­ztes Jahr min­destens zwei ras­sis­tis­che Über­griffe stat­tfan­den. [8]
Nach einem Aus­bruchver­such mit etwa 20–30 weit­eren Neon­azis ver­sucht­en sie an der Wil­helm­ga­lerie eine Gruppe von Antifaschist_innen anzu­greifen. Sie kon­nten dabei abgewehrt wer­den und musste sich daraufhin in der Wil­helm­ga­lerie ver­schanzen. Außer­dem ist Mar­co Helm­st­edt, langjährig als Gewalt­täter mit Hooli­gan-Affinität in der neon­azis­tis­chen Szene aktiv, als Teil­nehmer zuge­gen gewe­sen.
Eine Gruppe von etwa 30 Neon­azis, ange­führt von Maik Schnei­der und oben genan­nten Pots­damer Neonzis, wurde am Ende der Ver­samm­lung über die Hum­boldt­brücke und Zen­trum-Ost zum Haupt­bahn­hof geleit­et.
Anmelder Chris­t­ian Müller und das Orgateam – Rassist_innen, Neon­azis, Schoah-Leugn­er_in­nen
Der Neonazi Christian Müller in Berlin

Der Neon­azi Chris­t­ian Müller in Berlin


Chris­t­ian Müller ist Ini­tia­tor und Haup­tor­gan­isator der ras­sis­tis­chen Proteste in Pots­dam. Vor sein­er Demonstrations-„Offensive“ in Pots­dam bewegte sich Müller im Organ­si­a­tion­skreis von „Bärgi­da“. Dafür verteilte er Fly­er, u.a. auch in der Pots­damer Innen­stadt, und beteiligte sich organ­isatorisch an den Ver­samm­lun­gen. Außer­dem posierte er mit Trans­par­enten, u.a. des ras­si­sis­tis­chen News­blogs „pi-news“ und trat als Red­ner auf. Im sozialen Net­zw­erk Face­book war er maßge­blich an der Grün­dung der Gruppe „Wir für Deutsch­land – Wir sind das Volk“ beteiligt, über die mit­tler­weile bis zu 4000 Men­schen ras­sis­tis­che Inhalte teilen. In Bezug auf seine Demon­stra­tio­nen in Pots­dam bekräftigte er gegenüber der MAZ expliz­it: „Nazis dür­fen bei uns mit­laufen“. [9] Kein Wun­der, ist doch Chris­t­ian Müller selb­st ein­er.
Der im August 1983 geborene Müller kann als ehe­ma­liges Mit­glied der NPD und deren Jugen­dor­gan­i­sa­tion „Junge Nation­aldemokrat­en“ (JN) auf langjährige Erfahrun­gen in ras­sis­tis­chen und neon­azis­tis­chen Struk­turen zurück­greifen. Beispiel­sweise ver­trat ihn der Neon­azian­walt sowie ehe­ma­liger Vor­sitzende der „Wik­ingju­gend“ und der „Heimat­treue Deutschen Jugend“ (HDJ) Wol­fram Nahrath in einem Straf­prozess, in dem Müller verurteilt wurde. Müller musste zuvor außer­dem eine mehrjährige Haft­strafe absitzen und im Anschluss ver­schiedene Bewährungsaufla­gen erfüllen.
Christian Müller bei Facebook – eine Collage aus verschiedenen menschenverachtenden Inhalten

Chris­t­ian Müller bei Face­book – eine Col­lage aus ver­schiede­nen men­schen­ver­ach­t­en­den Inhal­ten


Jegliche Dis­tanzierun­gen von „Nazis“, die er auf seinen Kundge­bun­gen beteuerte, führt er selb­st mit seinen Aktiv­itäten, auch im Inter­net, ad absur­dum. Hun­derte Likes bei neon­azis­tis­chen, völkisch-ras­sis­tis­chen, eso­ter­ischen, ver­schwörungside­ol­o­gis­chen, anti­semi­tis­chen und geschicht­sre­vi­sion­is­tis­chen Face­book-Seit­en zeu­gen von ein­er grund­sät­zlich men­schen­ver­ach­t­en­den Mei­n­ung und Ide­olo­gie. In zahlre­ichen Face­book-Grup­pen mit diesen men­schen­feindlichen Aus­rich­tun­gen disku­tiert er mit Gle­ich­gesin­nten und ver­net­zt sich. Mit seinem neuen Face­book-Pro­fil, das alte war bis mitte Jan­u­ar 2016 in Benutzung, führt er diese Aktiv­itäten fort.
Kon­tak­te hat Müller offen­bar auch zur NPD Ober­hav­el und den Struk­turen der von der NPD ges­teuerten und organ­isierten ras­sis­tis­chen Proteste in Oranien­burg, Vel­ten und Zehdenick. Er verteilte Fly­er zur Bewer­bung jen­er Demon­stra­tio­nen in Oranien­burg, die mut­maßlich vom dor­ti­gen NPD-Kad­er Robert Wolin­s­ki erstellt wer­den. Im sel­ben Stil wur­den auch Fly­er für den Auf­marsch am 20. Jan­u­ar in Pots­dam erstellt und ver­bre­it­et. Robert Wolin­s­ki und NPD-Abge­ord­neter im Kreistag Havel­land Michel Müller sind außer­dem Mit­glieder der Face­book-Gruppe „Pots­dam Wir für Deutsch­land Wir sind das Volk!!!“ (sic).
Die Mitglieder der Gruppe „Potsdam Wir für Deutschland Wir sind das Volk!!!“ (sic)

Die Mit­glieder der Gruppe „Pots­dam Wir für Deutsch­land Wir sind das Volk!!!“ (sic)


Die Gruppe „Pots­dam Wir für Deutsch­land Wir sind das Volk!!!“ wurde durch Müller am 29. Dezem­ber 2015 erstellt und dient seit­dem der Ver­net­zung zwis­chen den Organisator_innen der „Pogida“-Aufmärsche und poten­tiellen Symphatisant_innen sowie der Ver­bre­itung von ras­sis­tis­ch­er und neon­azis­tis­ch­er Pro­pa­gan­da. Bis zum 26. Jan­u­ar trat­en 232 Men­schen bei und disku­tieren in ein­er begren­zten Sphäre über „Asylmiss­brauch“, „linke Gewalt“ und die „links­faschis­tis­che rote SA“. Ver­weise zu Recht­sRock der Bands „Täter­volk“ und „Nord­front“ oder Inhalte der völkisch-ras­sis­tis­chen Strö­mung „Iden­titäre Bewe­gung“ stoßen, nicht über­raschend, auf keinen Wider­spruch. Inhaltliche Beiträge sind rar und kom­men über Schlag­worte und Phrasen mit zu vie­len Aus­rufeze­ichen und Rechtschreibfehlern nicht hin­aus.
Admin­istri­ert wird die Gruppe neben Chris­t­ian Müller von sechs weit­eren Per­so­n­en, darunter seine Ehe­frau Ani­ka Keller.
Anika Keller, Mitorganisatorin von „Pogida“ und Ehefrau von Christian Müller

Ani­ka Keller, Mitor­gan­isatorin von „Pogi­da“ und Ehe­frau von Chris­t­ian Müller


Ani­ka Keller fiel in der Ver­gan­gen­heit vor allem durch ihre regelmäßige Teil­nahme an den ras­sis­tis­chen „Bärgida“-Versammlungen in Berlin auf. Dort trug sie auch ein Trans­par­ent des ras­sis­tis­chen News­blogs „pi-news“. Wie ihr Ehe­mann, ist Keller aktives Mit­glied in ver­schiede­nen ras­sis­tis­chen und neon­azis­tis­chen Face­book-Grup­pen.
Anika Keller am 5. Oktober 2015 mit „PI-News“-Transparent bei „Bärgida“

Ani­ka Keller am 5. Okto­ber 2015 mit „PI-News“-Transparent bei „Bärgi­da“


Und auch für „Pogi­da“ tritt sie öffentlich auf, beispiel­sweise erstellte sie eine Face­book-Ver­anstal­tung für den ras­sis­tis­chen „Abendspazier­gang“ am 20. Jan­u­ar, da ihr Mann auf dem sozialen Net­zw­erk ges­per­rt sei. Die Ver­samm­lung sei, von ihr for­muliert, „Gegen Sex­uelle über­griffe an Frauen“, „Gegen Gewalt gegenüber Polizeistre­itkräfte“ und „Gegen Flüchtlingspoli­tik“ (sic) gerichtet. For­mulierun­gen, die iden­tisch auf selb­st hergestell­ten „Plakat­en“, am jew­eili­gen Vortag des geplanten Auf­marsches, im Pots­damer Stadt­teil Zen­trum-Ost auf­taucht­en. Diese erstellte Ani­ka Keller zusam­men mit Daniela Weirich, ein­er weit­eren Admin­is­tra­torin oben genan­nter Face­bok-Gruppe und Mit-Organ­isatorin von „Pogi­da“.
Die Schoah-Leugnerin Daniela Weirich in ihrer Wohnung

Die Schoah-Leugner­in Daniela Weirich in ihrer Woh­nung


Daniela Weirich ist für die Erstel­lung und vor allem Verteilung dieser Plakate in Zen­trum-Ost ver­ant­wortlich. Da sie im Hum­boldtring wohnt, fasste sie den Entschluss am Abend des 10. und 19. Jan­u­ar jew­eils etwa 20–30 Exem­plare an Lat­er­nen im Stadt­teil und in angren­zen­den Tram-Hal­testellen anzuk­leben.
Daniela Weirich leugnet die Schoah – eine von vielen neonazistischen Bekundungen ihrerseits

Daniela Weirich leugnet die Schoah – eine von vie­len neon­azis­tis­chen Bekun­dun­gen ihrer­seits


Eben­so ver­bre­it­et sie offen (neo)nazistische und ras­sis­tis­che Inhalte auf ihrer Face­book-Seite. Neben der Forderung „Nationaler Wider­stand“ und Äußerun­gen gegen „Scheiss Links­faschis­ten“ teilt sie auch ver­schiedene geschicht­sre­vi­sion­is­tis­che Pro­pa­gan­da. Offen leugnet sie die Schoah und ver­bre­it­et einen Zusam­men­schnitt von Hitler-Reden, unter­legt mit his­torischen und zeit­genös­sis­chen Fil­mauf­nah­men. Gle­ichzeit­ig beklagt sie: „Pots­dam ich bin ent­täuscht von eur­er Ein­stel­lung ! Es ist kein offen­er Dia­log möglich keine sach­lichen Diskus­sio­nen […] Das frage ich mich ern­sthaft wenn mir der Mund ver­boten wird !!“ (sic).
Weit­er­hin ist Mar­cel Franke Admin­is­tra­tor in der Face­book-Gruppe „Pots­dam Wir für Deutsch­land Wir sind das Volk!!!“. Er gibt an, Polizist bei der Bun­de­spolizei zu sein, und teilt Inhalte von ver­schiede­nen „Pegida“-Ablegern, der AFD und anderen ras­sis­tis­chen Grup­pierun­gen.
Rel­a­tiv bedeckt hält sich „Chris Goth“, eben­falls Admin­is­tra­tor in der Gruppe. Offen teilt er Inhalte der neonzis­tis­chen Kam­pagne „Ein Licht für Deutsch­land gegen Über­frem­dung“ und beken­nt „Ich liebe Deutsch­land“ – in den Gren­zen des Deutschen Kaiser­re­ich­es 1871–1918.
Sech­ster im Bunde ist Michele Hipler. Seine Mit­glied­schaft, ger­ade als Admin, ist am wenig­sten kon­gru­ent zu den anderen oben genan­nten. Neben ein­er Fre­und­schaft zum Pots­damer Neon­azi Björn Theißig und Neonzi-Hooli­gan Markus Schiller sowie ras­sis­tis­chen Inhal­ten á la „Bärgi­da“ oder „Frank­furt (Oder) wehrt sich“ bekun­det er eben auch Sym­pa­thien für die Partei „DIE LINKE.Potsdam“ oder die eher antifaschis­tis­che Anhänger­schaft des „Ost­block Babels­berg“. Eine wirre ide­ol­o­gis­che Aus­rich­tung, mit Ver­satzstück­en der gesamten deutschen poli­tis­chen Land­schaft find­en sich eben­so wie Sym­bo­l­iken der Hells Angels und ander­er Rock­er-Vere­ini­gun­gen oder aus Graf­fi­ti-/HipHop-/Street­gang-Zusam­men­hän­gen.
Siebter, und auch Ältester, unter den Administrator_innen ist Uwe Grosse. Dessen Kinder wur­den von ihm offen­bar ohne Dis­tanzierung von nazis­tis­ch­er Pro­pa­gan­da erzo­gen – auf einem Bild posieren die bei­den mit ihrem Vater mit aufge­mal­ten Hitler­bärten. Dazu wer­den von Freund_innen und von Grosse selb­st wohlwol­lende Kom­mentare abgegeben. Weit­er­hin „liked“ er die NPD sowie die völkische Band „Frei­Wild“ und posi­tion­iert sich im deutschen Opfer­diskurs als gebeutel­ter Deutsch­er, den „Sie“ immer nur als „die NAZIS“ beze­ich­nen wür­den.
Als Plat­tfor­men für ras­sis­tis­che und gegen Geflüchtete gerichtete Pro­pa­gan­da dienen in und um Pots­dam außer­dem die Face­book-Seite „Patri­oten Pots­dam“, die am 3. Jan­u­ar 2016 ein­gerichtet wurde. Inner­halb von drei Wochen kon­nten nicht mehr als 74 „Likes“ gener­iert wer­den. Weit­er­hin wurde am 13. Jan­u­ar die Seite „Pogi­da“ ein­gerichtet. Damit über­nah­men die Rassist_innen direkt die eigentlich von Antifaschist_innen erdachte satirische Abkürzung für „Pegida“-Potsdam – „POts­damer Gegen die Islamisierung des Abend­lan­des“. Diese Seite kon­nte inner­halb ein­er Woche immer­hin 102 Men­schen für sich gewin­nen. Inhaltlich sind sich bei­de Seit­en sehr nahe. Es fällt jedoch auf, dass bei „Patri­oten Pots­dam“ aggres­si­vere Parolen verkün­det wer­den und Sym­pa­thien gegenüber neon­azis­tis­chen Hooli­gans offen gezeigt wer­den.
Chris­t­ian Müller scheint während­dessen durch seinen Mis­ser­folg beim ersten Auf­marschver­such am 11. Jan­u­ar der­art verun­sichert wor­den zu sein, dass er die Face­book-Seite „Pogi­da“ am Tag nach ihrer Grün­dung mit einem Stern bew­ertete – „Da die Linke Antifa so aggres­siv gegen friedliche PoGi­Da Teil­nehmer vor gegan­gen ist. Der Abendspazier­gang abge­sagt wer­den musste aus Sicher­heits­grün­den Seit­ens der Polizei.“ (sic).
Am 22. Jan­u­ar wurde nun die Face­book-Seite „Po-Gi-Da“, mit nach vier Tagen 8 „Likes“, ein­gerichtet. Sie soll offen­bar die Seite „Pogi­da“, auf der seit dem 13. Jan­u­ar keine neuen Beiträge erschienen, ablösen.
Zum Umgang mit „Pogi­da“
Die Teil­nehmenden als „ver­wirrt“ oder „lächer­lich“ darzustellen und sich über „fehlende“ Rechtschrei­bung lustig zu machen, kann keine Strate­gie sein. Eine langfristige und nach­haltige Schwächung men­schen­ver­ach­t­en­der Struk­turen kann haupt­säch­lich mit ein­er fundierten und sin­nvollen Kri­tik erre­icht wer­den – nicht mit der Repro­duk­tion klas­sis­tis­ch­er Ressen­ti­ments. Einen kleinen Teil möcht­en wir dazu mit unseren Recherchen über die Struk­turen hin­ter „Pogi­da“ beitra­gen.
Es darf nicht vergessen wer­den, dass diese Men­schen ihren Ras­sis­mus ernst meinen und nicht nur auf Kundge­bun­gen kund­tun, son­dern im alltäglichen Leben ausleben und sich motiviert fühlen diesen stärk­er zu artikulieren und aktiv umzuset­zen.
Dass organ­isierte Neon­azis Teil dieser Bewe­gung sind, ist kein Geheim­nis – nur lei­der wird oft­mals vergessen, wie gut sie ihre Men­schen­ver­ach­tung und die Prax­is bere­its organ­isiert haben.
Auch wenn sich ver­schiedene Men­schen in Pots­dam momen­tan rel­a­tiv stark und mitunter offen­siv gegen die „Pegida“-Bewegung ein­set­zen, so fällt doch auf, dass ein koor­diniertes Vorge­hen gegen grup­pen­be­zo­gene Men­schen­feindlichkeit jeglich­er Art sel­ten vorkommt. Es ist wichtig wahrzunehmen, dass organ­isierte und gewalt­bere­ite Neon­azis, die z.T. bere­its jahre­lange ein­schlägige Haft­strafen hin­ter sich haben, an diesen Ver­anstal­tun­gen, die sich hin­ter dem harm­los klin­gen­den Wort „Abendspazier­gang“ ver­ber­gen, teil­nehmen. Diese Per­so­n­en sind aber auch abseits davon aktiv – und das eben nicht nur in Pots­dam, son­dern im ganzen Land Bran­den­burg und z.T. bun­desweit. Eine antifaschis­tis­che und zivilge­sellschaftliche Inter­ven­tion darf sich dabei nicht auf die eigene Scholle beschränken, son­dern muss ver­net­zt und koor­diniert dort stat­tfind­en, wo Neon­azis und andere Men­schen­feinde auftreten.

[1] https://soundcloud.com/s‑ren-kohlhuber/bargida-goes-potsdam
[2] https://inforiot.de/potsdamgransee-lichtermaersche-gegen-asylsuchende/
[3] https://www.youtube.com/watch?v=fJZQ3sqgRSk (ab 04:44)
[4] https://inforiot.de/braunes-wochenende-in-brandenburg/
[5] „Märkische All­ge­meine Zeitung“, Aus­gabe vom 12. Jan­u­ar 2016; vgl. https://twitter.com/alx_froehlich/status/687021914116780032
[6] https://presseservicern.wordpress.com/2015/02/13/nauen-stadtverordnetenversammlung-stimmt-uber-grundstuck-fur-asylunterkunft-ab-auslanderfeindliche-parolen-im-publikum-fuhren-zur-saalraumung-neonazis-provozieren-vor-dem-gebaude/
[7] http://www.maz-online.de/Lokales/Potsdam/Hooligans-wollen-zur-Pegida-Demo-in-Potsdam
[8] http://arpu.blogsport.eu/2016/01/13/hier-macht-man-sich-noch-selbst-die-haende-schmutzig-die-selbsthilfewerkstatt-potsdam-und-ihre-verstrickungen-ins-neonazistische-milieu/
[9] http://www.maz-online.de/Lokales/Potsdam/hitler-gruss-bei-pegida-demo

Gale­rien zu den Aufmärschen am 11. und 20. Jan­u­ar 2016 in Pots­dam:

11. Jan­u­ar 2016

https://www.flickr.com/photos/presseservice_rathenow/sets/72157663273494882
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20. Jan­u­ar 2016

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Wenn ihr Per­so­n­en erken­nt oder andere Infor­ma­tio­nen über „Pogi­da“ beis­teuern kön­nt, dann meldet euch unter arpu [at] riseup.net oder mit Hil­fe unseres ver­schlüs­sel­ten Kon­tak­t­for­mu­la­rs.

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