2. Dezember 2019 · Quelle: Presseservice Rathenow

SS Treuelied auf Gedenkkranz

In Rathenow wurde vor Kurzem ein ehe­ma­liger Naziskin-Anführer zu Grabe getra­gen. Der mehrfach verurteilte Mann war ein­er schw­eren Krankheit erlegen. Seine ein­sti­gen Kam­er­aden kon­dolierten mit dem SS Treuelied.

Ver­ab­schiedung im Geiste der SS

Wenn alle Brüder schweigen“ – die „alten Fre­unde“ erin­nerten mit ein­er Zeile aus dem „SS Treuelied“

Etliche grüne Kränze lagen auf einem Ron­del für Urnenbestat­tun­gen auf dem Städtis­chen Fried­hof in Rathenow. „Wenn alle Brüder schweigen“ ist mit gold­en­er Schrift auf ein­er schwarzen Trauer­schleife zu lesen – ein ungewöhn­lich­es Geleit zur let­zten Ruhe. Es ist eine Zeile aus dem Lied „wenn alle untreu wer­den“, welch­es in der Zeit des Nation­al­sozial­is­mus als “SS Treuelied” Ver­wen­dung fand. Im SS Lieder­buch kam es deshalb gle­ich hin­ter dem „Horst Wes­sel Lied“ und dem „Lied der Deutschen“. Der Ver­stor­bene, dem dessen „alte Fre­unde“ auf diese Art und Weise gedacht­en, war Mario Knud­sen, ein­er der Köpfe der neon­azis­tis­chen Szene in Rathenow. Er starb im Okto­ber 2019 nach langer schw­er­er Krankheit.

Base­ballschläger­jahre

Knud­sen und seine „alten Fre­unde“ gal­ten in den 1990er Jahren als Bürg­er­schreck. Mit Glatze, Bomber­jacke, Base­ballschlägern und Springer­stiefeln macht­en sie Rathenow unsich­er. „Skins verun­sich­ern Rathenow – muss eine Bürg­er­wehr gegrün­det wer­den?“, betitelte die Märkische All­ge­meine Zeitung im Früh­jahr 1991 u.a. das Treiben der Gruppe. Zu ihren Opfern gehörten Ange­hörige der sow­jetis­chen Gar­ni­son, aus­ländis­che Ver­tragsar­beit­er, Geflüchtete, Ange­hörige link­er Sub­kul­turen, aber auch ganz nor­male Bürg­er. Wie etwa im Jan­u­ar 1991, als Knud­sen, sein Kumpan Sandy A und weit­ere Nazi-Skins in Prem­nitz zwei Ehep­aare, welche ger­ade von ein­er Faschingspar­ty kamen, mit Gegen­stän­den attack­ierten und bru­tal zusam­men­schlu­gen. Eine Blutsspur zog sich durch die Region. Mehrfach saß Knud­sen vor Gericht, zulet­zt im Novem­ber 1998. Er und Sandy A hat­ten im Früh­jahr 1997 zwei junge Män­ner – nach einem Stre­it in ein­er Frie­sack­er Diskothek – bru­tal zusam­mengeschla­gen. Nach sechs rel­a­tiv „milden“ Urteilen, darunter eine Bewährungsstrafe für den zuvor erwäh­n­ten Über­fall in Prem­nitz, wurde Knud­sen schließlich zu ein­er Frei­heitsstrafe von einem Jahr und neun Monat­en ohne Bewährung verurteilt.

Der „Fre­un­deskreis Rathenow“ gedenkt in den Far­ben: schwarz-weiß-rot.

Erst in den 2000er Jahren beruhigte sich die Sit­u­a­tion schein­bar. Knud­sen führte anscheind ein bürg­er­lich­es Fam­i­lien­leben, wurde Vater ein­er Tochter. Doch dies war offen­bar nur Fas­sade. Im April 2005 war Knud­sen von Maß­nah­men des Bran­den­burg­er Innen­min­is­teri­ums bei der Auflö­sung der Kam­er­ad­schaft “Hauptvolk” betrof­fen. Damals wur­den die Woh­nun­gen von ins­ge­samt 39 Mit­gliedern dieser vere­in­sähn­lichen Struk­tur durch­sucht und die Organ­i­sa­tion offiziell aufgelöst. Die Tätigkeit und der Zweck des “Hauptvolkes” richtete sich u.a. gegen die ver­fas­sungsmäßige Grun­dord­nung und lief Strafge­set­zen zuwider, so das Innen­min­is­teri­um. Im Kam­er­ad­schaft­srund­brief Heft 1 waren u.a. die Abze­ichen von 20 Divi­sio­nen der Waf­fen SS abge­bildet. Das “Hauptvolk” sah sich als Elitege­mein­schaft und in der Tra­di­tion vor­ge­nan­nter NS Organ­i­sa­tion. Knud­sens langjähriger Kumpan Sandy A war eben­falls in der Kam­er­ad­schaft aktiv. Dieser galt sog­ar als deren Kopf. Die Web­site der Organ­i­sa­tion war auf A’s Namen angemeldet. Ein Trauerkranz des “Hauptvolkes” war bei Knud­sens Beerdi­gung jedoch nicht zu find­en – offen­bar wegen des Ver­botes der Kam­er­ad­schaft. Stattdessen legte ein “Fre­un­deskreis Rathenow” einen in schwarz-weiß-rot gehal­te­nen Kranz mit der Auf­schrift: “Im Leben uns treu, im Tode an unser­er Seite” sowie das Grabgesteck mit eben jen­er Zeile aus dem SS Treuelied nieder. Später bedank­te sich Knud­sens Fam­i­lie bei seinen “treuen Kumpels”, sowie im Beson­deren bei “Sandy A”.

Fotos hier:

https://www.flickr.com/photos/presseservice_rathenow/albums/72157711991152218/with/49142046153/

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