24. September 2015 · Quelle: Antifaschistische Recherche _ Potsdam // Umland

Von Anti-Antifa- zur Babyfotografin – Melanie Witassek aka „Charlotte Friedrich“

Melanie Witassek aka „Charlotte Friedrich“ wie sie sich für ihre Facebookseite als nette Baby-Fotografin inszeniert.

Melanie Witassek aka „Char­lotte Friedrich“ wie sie sich für ihre Face­book­seite als nette Baby-Fotografin insze­niert.


Schlafende (weiße) Babys, strahlende (blauäugige) Kleinkinder, glück­liche (het­ero­sex­uelle) Hochzeitspaare und weichgeze­ich­neter Kitsch ohne Ende – so der erste Ein­druck beim Besuch der Face­book-Seite der Auf­trags­fo­tografin „Char­lotte Friedrich“. [1]

Unter diesem Pseu­do­nym arbeit­et die Neon­azistin Melanie Witassek (geboren 1985) nun seit min­destens dreiein­halb Jahren in Pots­dam, Berlin und Umge­bung. Im Früh­jahr 2001 – im Alter von 15 Jahren – wird sie im Zuge der Veröf­fentlichung ein­er Studie der Uni­ver­sität Pots­dam zu ras­sis­tis­chen Ein­stel­lun­gen in den neuen Bun­deslän­dern von einem Jour­nal­is­ten inter­viewt. Dadurch wird sie erst­mals ein­er inter­essierten Öffentlichkeit bekan­nt. Bere­its damals äußerte sie sich ras­sis­tisch, als sie angab jeglichen Kon­takt zu „Frem­den“ zu mei­den und weit­er: „They’re dif­fer­ent,“ she said. „There are too many of them here. I don’t like them.“ [2]

Kurze Zeit später erfol­gte dann die Ori­en­tierung an die Neon­aziszene der Bran­den­burg­er Lan­deshaupt­stadt. Der Weg von der kon­sens­fähi­gen Ablehnung alles ver­meintlich Frem­den, getarnt in Begrif­f­en wie Angst und Besorg­nis, hin zur aktiv­en Prax­is, die sich in einem Anschluss an eine neon­azis­tis­che Szene zeigte, war ein kurz­er. Schnell wurde sie zu einem Teil dieser Szene und hat­te Kon­takt zu den „ganz Großen“ – dazu zählen die wichti­gen Neon­azis der Recht­sRock-Szene wie Mar­tin Roll­berg und dem mut­maßlichen NSU-Mitwiss­er und Szene­größe Uwe Men­zel. Aber auch zum ehe­ma­li­gen Mitar­beit­er der Neon­azi-Szenekneipe „Zum Henker“ Dan­ny Leszin­s­ki der eben­so wie Men­zel dem „Blood & Hon­our“ Net­zw­erk zu zu rech­nen ist. Mit Leszin­s­ki war sie im Jahr 2003 beim jährlichen Nazi- und Neon­azi­großauf­marsch in Halbe. [3]

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Melanie Witassek 2003 im „A.C.A.B“-T-Shirt und gegrüßt von Mar­tin Roll­berg aka „William“ im Book­let des Album „Auss­er Kon­trolle“ von Blood­shed.


Im Jahr 2003 veröf­fentlicht­en Men­zel und Roll­berg zusam­men mit weit­eren Neon­azis ihr erstes Album („Auss­er Kon­trolle“) der gemein­samen Band „Blood­shed“. In diesem wird Melanie Witassek abge­bildet und von Mar­tin Roll­berg aka „William“ gegrüßt. [4]
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Melanie Witassek als Anti-Antifa-Fotografin am 21. Okto­ber 2006 in Berlin-Tegel. Hin­ter ihr zu sehen sind Sebas­t­ian Glaser (Son­nen­brille) und Tom Singer.


Im Jahr 2002 taucht Witassek auch immer öfter mit ihrer Kam­era am Rande antifaschis­tis­ch­er Ver­anstal­tun­gen auf und ver­sucht sich in selb­ster­nan­nter „Anti-Antifa“-Arbeit. Diese trägt bere­its im Jan­u­ar 2003 sicht­bare Früchte, als die Home­page der „Anti-Antifa Pots­dam“ online geht. Auf dieser wer­den Men­schen die sich ver­meintlich oder tat­säch­lich der Neon­aziszene ent­ge­gen­stellen und alter­na­tive und linke Tre­ff­punk­te veröf­fentlicht. Die Auflis­tung der als „Dreck­löch­er“ betitel­ten linken Wohn­pro­jek­te dient der Ein­schüchterung der dort Wohnen­den sowie der Über­sicht für die Neon­aziszene über noch anzu­greifende Häuser. Deut­lich wird dies dadurch, dass das dort geführte Haus des Chamäleon e.V. auf der Seite bere­its durchgestrichen war. [5] Denn hier ereignete sich kurz zuvor, am 31. Dezem­ber 2002 ein geziel­ter Angriff an dem auch Melanie Witassek beteiligt war. Neben ihr waren auch Andre Ewers, Jens Franke, Michael Gent, Heiko Groch, Oliv­er Kalies, Dan­ny Leszin­s­ki, Steve Schmitzer und Torsten Schü­mann an dem Angriff beteiligt, der von der Woh­nung von Mike Marten (Guten­bergstr. 111) aus­ging, wo die Neon­azis gemein­sam feierten. [6]
Im Som­mer 2005 beteiligte sich Witassek dann an mehreren gewalt­täti­gen Angrif­f­en auf ver­meintliche oder tat­säch­liche Linke in Pots­dam. So war sie bei einem Angriff am 19. Juni in ein­er Straßen­bahn in Babels­berg beteiligt. Hier­bei wurde eine Per­son, die vom anti­ras­sis­tis­chen Sta­dion­fest aus los­fuhr, ange­grif­f­en. Im Juli beteiligte sie sich zusam­men mit den Neon­azis Oliv­er Oeltze, Oliv­er Kalies, Dan­ny Leszin­s­ki, Thomas Pecht und Ben­jamin Oestre­ich am soge­nan­nten „Tram-Über­fall“ in der Pots­damer Innen­stadt, bei dem es zu einem Angriff auf zwei linke Studierende kam. [7] Danach zog sie für mehrere Jahre nach Berlin und ist seit spätestens 2011 wieder in Pots­dam wohn­haft.
Seit min­destens zwölf Jahren bewegt sich Melanie Witassek nun in der organ­isierten Pots­damer und Berlin­er Neon­aziszene. Ihr Inter­esse an Fotografie nutze sie damals zur poli­tis­chen Arbeit, heute dient ihr ihr Hob­by als Beruf. In den Jahren 2002 bis 2006 waren es vornehm­lich linke Aktivist_innen und Antifaschist_innen die sie fotografierte und heute sind es Babys, Kleinkinder und Hochzeitspaare.
Mirko Kubeler und Melanie Witassek unter Palmen.

Mirko Kubel­er und Melanie Witassek unter Pal­men.


Per­spek­tiv­en auf Neon­azis, die unkri­tisch gegenüber Het­ero­nor­ma­tiv­ität und Sex­is­mus sind, kön­nten glauben, dass durch den Rück­zug von Aktivistin­nen (wie im Fall Witassek), aus dem auf den ersten Blick sicht­baren Feld antifaschis­tis­ch­er Analy­sen (u.a. Demon­stra­tio­nen, öffentliche Ver­anstal­tun­gen), diese ver­meintlich unwichtiger oder sog­ar unge­fährlich­er wer­den. Dem gegenüber ste­ht die Exper­tise zahlre­ich­er antifaschis­tis­ch­er Zusam­men­hänge, Journalist_innen und Wissenschaftler_innen, die sich seit vie­len Jahren mit der The­matik beschäfti­gen und immer wieder die Bedeu­tung und Gefährlichkeit dieser – aus dem sicht­baren Feld ver­schwun­de­nen oder zurück­ge­zo­ge­nen – Frauen bestäti­gen.
Melanie Witassek zitiert Adolf Hitler auf ihrer privaten Facebook-Seite.

Melanie Witassek zitiert Adolf Hitler auf ihrer pri­vat­en Face­book-Seite.


Bei Melanie Witassek han­delt es sich um eine langjährig aktive, in mil­i­tan­ten und völkischen Struk­turen sozial­isierte und überzeugte Neon­azistin, die einen der wichtig­sten Kad­er der Pots­damer Neon­aziszene – Mirko Kubel­er („Freie Kräfte Pots­dam“, ehe­mals „Info­por­tal Pots­dam“ „Junge Nation­aldemokrat­en“ JN, „Licht und Schat­ten“, „Ein Licht für Deutsch­land“, „Der III. Weg“) – als Part­ner hat und mit diesem gemein­sam drei Kinder groß zieht.
Die schwangere Melanie Witassek mit "Unsterblich"-Tattoo auf der Hüfte.

Die schwan­gere Melanie Witassek mit “Unsterblich”-Tattoo auf der Hüfte.


Ihre Gesin­nung trägt sie auch unter ihrer Haut in Form eines „Unsterblich“-Tattoo. [8] Dieses kann im Bezug auf die „Volk­stod-Kam­pagne“, an der sich auch die Pots­damer Neon­aziszene in den let­zten jahren aktiv beteiligte, gele­sen wer­den. [9] Die (neo)nazistische Überzeu­gung, die in diesem Begriff steckt, bein­hal­tet die Vorstel­lung, dass sie – als Neon­azis – durch ihr völkisches Leben und Han­deln unsterblich wer­den, sich also ein­rei­hen in eine ras­sis­tisch imag­inierte Lin­ie ihrer, als sich „rein­ras­sig“ vorzustel­lenen und zu erhal­te­nen, „arischen“ Vor- und Nach­fahren. Das dies auch ganz beson­ders wichtig im soge­nan­nten pri­vat­en und famil­iären Bere­ich zu verorten ist, lehrt uns der his­torische Vorgänger des Neon­azis­mus: Der Nation­al­sozial­is­mus.
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Melanie Witassek bei ihrer Arbeit als Baby-Fotografin am 16. März 2015.


Der „Rück­zug in die Fam­i­lie“ bedeutet keineswegs eine Entradikalisierung der men­schen­ver­ach­t­en­den Ide­olo­gie. Beson­ders Neon­azis, die ver­meintlich die Szene hin­ter sich gelassen haben, tauchen nach eini­gen Jahren – immer­noch ide­ol­o­gisch gefes­tigt – auf und tra­gen ihre Gesin­nung als Eltern in Kindergärten oder Schulen, als „unpolitsche“ Mit­glieder in Vere­inen jed­er Art oder in Ähn­lichen Kon­stel­la­tio­nen nach Außen. Oder aber sie tauchen ab und ziehen gedeckt durch Staat und Geheim­di­enst mor­dend durch Deutsch­land. Viele Gründe Neon­azis zu beobacht­en und sie aus ihrem ruhigem All­t­ag zu ziehen. Melanie Witassek oder Mirko Kubel­er sind nicht vergessen. Sie wer­den jet­zt, wie zuvor Mar­tin Roll­berg, ihre Face­book­seite und anderen Pro­file löschen oder umbe­nen­nen. Sie wer­den ver­suchen im Dunkeln zu bleiben. Wir wer­fen Licht auf sie und ihre men­schen­ver­ach­t­en­den Aktiv­itäten.

[1] “https://www.facebook.com/CharlotteFriedrich-Fotografie-337306389649480/timeline
[2] http://www.news24.com/xArchive/Archive/Germans-increasingly-xenophobic-20010311
[3] https://www.antifainfoblatt.de/sites/default/files/public/styles/front_full/public/AA_PD_0.jpg?itok=TrfQrt5b
[4] Book­let zum Album „Auss­er Kon­trolle“ der Recht­sRock-Band „Blood­shed“; 2003
[5] https://inforiot.de/jagd-auf-politische-gegner/
[6] https://www.antifainfoblatt.de/artikel/die-anti-antifa-potsdam-entdeckt-das-internet
[7] http://www.tagesspiegel.de/berlin/brandenburgi/mehrjaehrige-haftstrafen-fuer-rechtsextreme-schlaeger/697556.html und http://arpu.blogsport.eu/2013/06/08/rbb-dokumentation-verharmlosende-darstellung-neonazistischer-gewalttaten/
[8] https://www.facebook.com/337306389649480/photos/pb.337306389649480.–2207520000.1442313432./547612671952183/?type=3&theater
[9] http://arpu.blogsport.eu/2014/02/12/aus-hinter-den-kulissen-3-regionalbericht-potsdam/ und http://arpu.blogsport.eu/2011/04/19/die-demokraten-bringen-uns-den-volkstod/

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