22. Juli 2009 · Quelle: gegenrede.info

Der Mord, die Stadt und die Folgen

Heute vor einem Jahr wurde Bernd K. in Templin ermordet

Tem­plin (ipr) Seit Mitte 2007 gab es zahlre­iche Über­griffe aus der recht­en Szene Tem­plins auf junge Linke, Punker und Men­schen mit dun­kler Haut­farbe. Durch den bru­tal­en Mord an Bernd K. am 22. Juli 2008 wurde diese gewalt­tätige Szener­ie Tem­plins ans Tages­licht gez­er­rt. Ein Jahr nach der Tat scheint sich nun die Lage beruhigt zu haben. Gegenrede.info ver­sucht einen Überblick über das zurück­liegende Jahr zu geben.

Die Jus­tiz

Vier rechte Tem­plin­er Gewalt­täter sitzen derzeit in Haft. Der damals unter Bewährung ste­hende Pot­zlowtäter Sebas­t­ian F. hat­te den Anfang gemacht. Zweimal besof­fen auf dem Fahrrad erwis­cht, brachte ihn in Unter­suchung­shaft. Danach kamen zwei Kör­per­ver­let­zun­gen und ein „Heil Hitler“ ans Tages­licht. Der Richter nan­nte den kon­se­quent in Londs­dale-Klei­dung gehüll­ten Mann eine „tick­ende Zeit­bombe“ und schick­te ihn für 29 Monate ins Gefäng­nis.

Bernd Ks Mörder, Sven P., und dessen Mit­täter Chris­t­ian W., die in einem quälen­den, zwölf Sitzungstage andauern­den Prozess zu zehn Jahren Jugend­haft und neun Jahren und drei Monat­en Gefäng­nis verurteilt wor­den sind, haben in der ersten Juli­woche ihr schriftlich­es Urteil zugestellt bekom­men. Die Anwälte haben nun bis Anfang August Zeit, die angekündigte Revi­sion zu begrün­den.

Patrick K., der Mitte let­zten Jahres dem polizeilichen Druck in Tem­plin aus­gewichen war und seine Aktiv­itäten in andere Uck­er­märkische Städte wie Pren­zlau und Lychen und kurz darauf in die Unter­suchung­shaft ver­legt hat­te, darf für min­destens zwei Jahre über seine Tat­en in ein­er Zelle nach­denken.

Hinzu kommt noch der auch vor Gericht sich als Recht­sex­trem­ist beken­nende Roman A. Der mehrfach vorbe­strafte Gewalt­täter aus dem zehn Kilo­me­ter ent­fer­n­ten Milmers­dorf hat­te am 10. August 2008 in Tem­plin einen 16-Jähri­gen ohne Grund zusam­menge­treten. Die Tat erregte wegen ihrer Bru­tal­ität und ihrer zeitlichen Nähe zum Mord an Bernd K. bun­desweites Auf­se­hen. Er muss für drei Jahre und sechs Monate hin­ter Git­ter.

Loli­ta Lodenkäm­per, Press­esprecherin der Staat­san­waltschaft Neu­rup­pin, nen­nt das die Null-Tol­er­anz-Maxime ihrer Behörde und kündigt an: „Wir wer­den weit­er­hin mit hohem Ver­fol­gungs­druck und großem Engage­ment jede recht­sex­treme Straftat zügig vor Gericht brin­gen!“

Ein weit­er­er rechter Schläger, der das bere­its zu spüren bekom­men hat, ist Matthias M. Er hat­te es inner­halb von neun Monat­en auf acht Gewalt­tat­en gebracht und wurde im Juni diesen Jahres zu ein­er Gesamt­strafe von zwei Jahren und 6 Monat­en Gefäng­nis verurteilt. Er hofft nun, dass eine Beru­fungsver­hand­lung vor dem Landgericht Neu­rup­pin, ihn vor dem Knast bewahrt.

Die Beru­fung hat­te seinem älteren Brud­er Mar­tin M. im Novem­ber 2008 schon den Haf­tantritt erspart. Seine Strafe wurde im Beru­fungsver­fahren zur Bewährung aus­ge­set­zt. Maßge­blich ver­ant­wortlich dafür war ein Brief des Kreisju­gend­wartes des Kirchenkreis­es Templin/Gransee. In diesem Brief bescheinigte er Mar­tin M. eine pos­i­tive Entwick­lung, die sog­ar dazu geführt habe, dass er Mar­tin M. für ein Rock­konz­ert in Tem­plin Ord­ner­funk­tio­nen über­tra­gen werde. Eine jährlich wiederkehrende Ver­anstal­tung im Rah­men der öku­menis­chen Friedens­dekade, die noch im 2007 von Mar­tin M. und seinen recht­en Gesin­nungsgenossen ange­grif­f­en wor­den war. Die Ver­anstal­tung ver­lief im let­zten Jahr friedlich. Und Mar­tin M. ist seit dieser Gerichtsver­hand­lung auch nicht mehr durch Gewalt­tätigkeit­en aufge­fall­en.

Es gab noch weit­ere Einzeltäter, die mit Bewährungsstrafen und Straf­be­fehlen belegt wor­den sind. Und es gab auch den Nach­wuchs. Ein sechzehn­jähriger Teenag­er, der das am Boden liegen­des Opfer getreten hat­te, nach­dem es von Matthias M. nierdergestreckt wor­den war. Der Bursche erhielt eine Ermah­nung, und das Ver­fahren wurde eingestellt.

Die Polizei

Für den Leit­er der Tem­plin­er Polizei­wache, Har­ald Löschke, hat sich qual­i­ta­tiv einiges in der Stadt verbessert. Die Kom­mu­nika­tion zwis­chen Bürg­er­meis­ter und Polizei funk­tion­iere mit­tler­weile gut. Nach dem Mord habe man sich alle zwei Wochen getrof­fen, im Augen­blick reiche ein Tre­f­fen alle vier Wochen, um sich über die Lage auszu­tauschen. Eines hebt er beson­ders her­vor: „Die Bürg­er nen­nen neuerd­ings ihren Namen, wenn sie bei uns anrufen, um einen Vor­fall zu melden. Das gab es vorher nicht.“ Es habe in diesem Jahr in Tem­plin eine poli­tisch motivierte Gewalt­tat gegeben, ergänzt er. Son­st lediglich ein paar rechte Pro­pa­gan­dade­lik­te.

Bei der Gewalt­tat han­delte es sich um einen Angriff auf einen Reporter der „Tem­plin­er Zeitung“, den der Täter im Suff für ein Aus­län­der gehal­ten hat­te. Bei dem von Staat­san­waltschaft und Gericht zügig durchge­zo­ge­nen Ver­fahren wegen Voll­rausches attestierte der Richter dem bish­er nur wegen Trunk­en­heits­de­lik­ten aufge­fal­l­ene Täter eine latente Aus­län­der­feindlichkeit. Ein Prozess über den in der „Tem­plin­er Zeitung“ übri­gens nicht berichtet wurde.

Bere­its im Jan­u­ar hat­te Matthias M. wieder „unpoli­tisch“ zugeschla­gen, was ihm trotz­dem eine sofor­tige Vor­führung beim Haftrichter ein­brachte, der allerd­ings dem Antrag auf Unter­suchung­shaft nicht zus­timmte. Die Anklageer­he­bung in diesem Fall ste­ht kurz bevor.

Eines möchte Har­ald Löschke ganz deut­lich sagen: „Wir hal­ten die ver­stärk­ten polizeilichen Maß­nah­men, die wir im Novem­ber 2007 auf­grund der gewalt­täti­gen recht­en Szene einge­führt haben, weit­er­hin aufrecht.“ Eines werde man von ihm bes­timmt nicht mehr hören: „Wir haben diese Szene voll im Griff.“

Die Stadt

Bürg­er­meis­ter Ulrich Schoene­ich, der noch kurz nach dem Mord die rechte Szene als eine Erfind­ung der über­re­gionalen Presse gebrand­markt hat­te und dafür aus der Lan­desregierung und durch Jour­nal­is­ten mas­siv kri­tisiert wor­den war, zeigt sich heute geläutert und unter­stützt ener­gisch bürg­er­lich­es Engage­ment für Demokratie in sein­er Stadt.

Dass sich die Kom­mu­nika­tion zwis­chen Polizei und Stadtver­wal­tung verbessert habe, bestätigt auch er. Schoene­ich erin­nert an zahlre­iche Aktio­nen, die nach dem Mord ini­ti­iert wor­den sind: Das Bene­fizkonz­ert am Pub, das Demokratiefest vor den Kreistag­wahlen, zu dem Jugendliche aufgerufen hat­ten und das zu ein­er regelmäßi­gen Ver­anstal­tung wer­den soll, Ver­anstal­tun­gen der Friedrich-Ebert-Stiftung und des CDU-Bun­destagsab­ge­ord­neten Jens Köp­pen, oder eine Diskus­sion­srunde zum Umgang mit Recht­sex­tremen am Tem­plin­er Gym­na­si­um. Es gab eine nicht öffentliche Ver­anstal­tung mit Ver­fas­sungss­chutz und Stadtverord­neten und eine Schu­lung für sämtliche Mitar­beit­er der Stadtver­wal­tung in Sachen Recht­sex­trem­is­mus.

Wir haben eine Stab­stelle für Demokratieen­twick­lung und Tol­er­anz geschaf­fen, die mir direkt unter­stellt ist.“ ergänzt er. „Wir beteili­gen uns seit Anfang des Jahres im Begleitauss­chuss des Lokalen Aktion­s­planes (LAP) Uck­er­mark, der im Land­kreis die Mit­tel aus dem Bun­de­spro­gramm „Vielfalt tut gut“ im Kampf gegen Recht­sex­trem­is­mus vergibt.“

Große Hoff­nun­gen set­zt Ulrich Schoene­ich in eine Sozial­rau­m­analyse, die mit Unter­stützung eben jenes LAP von Wis­senschaftlern in Tem­plin und seinen Ort­steilen durchge­führt wird, und für die auch von den Stadtverord­neten die notwendi­gen Gelder bewil­ligt wor­den sind.

Andere Ideen kon­nte der Bürg­er­meis­ter nicht durch­set­zen. So scheit­erte sein Ver­such, ein Alko­holver­bot an öffentlichen Plätzen der Stadt einzuführen. Die Stadtverord­neten woll­ten sein­er Logik: Die jun­gen Recht­en tre­f­fen sich an Bushal­testellen, Super­märk­ten oder Park­bänken, besaufen sich dort und schla­gen danach zu, nicht fol­gen. Seinen Vorschlag, die recht­en Schläger zu Hause zu besuchen, um mit ihnen zu sprechen, rede­ten ihn die Experten des Mobilen Beratung­steams aus. Dafür bräuchte man speziell Aus­ge­bildete Leute.

Seine Vorstel­lung, die Arbeit der fünf städtis­chen Jugen­dar­beit­er neu zu organ­isieren und deren Schw­er­punk­te auch auf die Straße zu ver­lagern, hängt in der Warteschleife, weil die bish­erige Chefin sich eine anderen Arbeit­ge­ber gesucht hat.

Die Rechte Szene

Es gibt sie noch. Man sieht die Leute im Stadt­bild, manch­mal im Out­fit autonomer Nation­al­is­ten mit Feld­mützen und Palästi­nenser­tuch. Eine Gruppe von ihnen saß anfangs im Prozess gegen Sven P. und Chris­t­ian W. Manch­mal gibt es Abends ein paar Pöbeleien in Tem­plin­er Kneipen. Das rig­orose Vorge­hen von Polizei, Staat­san­waltschaft und Gericht­en scheint Ein­druck auf die Kam­er­aden gemacht zu haben. Im Grunde hal­ten sie still. Richtig präsent sind sie nur im Netz, in Com­mu­ni­ties wie „Jappy.de“. Dort zeigen sie Fotos von Geburt­stags­feiern und anderen Par­tys, oft in Szenek­lei­dung.

Mar­tin M., der im Jugend­klub der Kirche den braven Jun­gen mit der Klampfe spielt und vor Gericht beteuerte, er gehört nicht mehr zur recht­en Szene, zeigt sich danach im Netz als nationaler Sozial­ist, der auf Demos wie in Stral­sund den Kämpferischen mimt. In diesem Früh­jahr erschien er auf ein­er Brauch­tums­feier der 72-jähri­gen Uck­er­märkischen NPD-Kreistagsab­ge­ord­neten Irm­gard Hack. Wenn man seinem Fre­un­deskreis in der Com­mu­ni­ty ver­fol­gt, hat man die Tem­plin­er Szene recht schnell beisam­men. Auch wenn er mit­tler­weile ver­sucht, sein Pro­fil in Teilen abzus­per­ren.

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