27. Januar 2019 · Quelle: Emanzipatorische Antifa Potsdam

Gemeinsames Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus

Am 27.01.2019 fand das alljährliche Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus am Platz der Einheit und am Ehrenfriedhof der sowjetischen Armee in Potsdam statt

Am 27.01.2019 fand das alljährliche Gedenken an die Opfer des Nation­al­sozial­is­mus am Platz der Ein­heit und am Ehren­fried­hof der sow­jetis­chen Armee in Pots­dam statt. Rund 200 Per­so­n­en fan­den sich zusam­men, um gemein­sam den Opfern zu gedenken und gle­ichzeit­ig zu mah­nen. Wie es im Rede­beitrag der Grup­pierung BlauWeißBunt*Nulldrei e.V aus Babels­berg hieß:

„Wir müssen zum einen zurück­zuschauen, um die Gräuel der Nazis nicht zu vergessen. Zum anderen jedoch vor diesem Hin­ter­grund die Gegen­wart und die Zukun­ft ein­er kri­tis­chen Prü­fung zu unterziehen.“.

Es wur­den Biografien der Holo­caust-Über­leben­den Jean Améry, Willy Fro­hwein und Ruth Klüger vor­ge­tra­gen. Alle drei Schick­sale ermah­nen uns, das Geschehene weit­er zutra­gen und Geschichte nicht zu vergessen. So sagte Melyssa Diedrich von der EAP zu Beginn der Ver­anstal­tung: „Wir wollen ver­suchen die Willkür, den Ter­ror und die Uner­bit­tlichkeit Nazideutsch­lands, vor allem aber das Leben und Über­leben der Men­schen, ihren Umgang mit dem Erlebten nachzuze­ich­nen“.

Im fol­gen­den find­et ihr die Kurzbi­ografien von Jean Améry, Willy Fro­hwein und Ruth Klüger sowie den Rede­beitrag von BlauWeißBunt*Nulldrei.
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Er wurde am 31. Okto­ber 1912 als Sohn jüdis­ch­er Eltern in Wien geboren. Er absolvierte in den 1930er Jahren eine Buch­händler­lehre und arbeit­ete anschließend als Buch­händ­lerge­hil­fe in Leopold­stadt. 1937 heiratet er und floh mit sein­er Frau gemein­sam vor den Nazis 1938 nach Bel­gien. Dort arbeit­ete er als Möbel­trans­porteur und Lehrer.
Nach dem Über­fall durch die deutsche Wehrma­cht wurde er als „feindlich­er Aus­län­der“ festgenom­men und im süd­franzö­sis­chen Lager Gurs interniert. Seit dem war er getren­nt von sein­er Frau, welche 1944 ver­starb. Aus dem Lager kon­nte er 1941 nach Bel­gien fliehen, wo er sich dem Wider­stand gegen die Nazis ein­er öster­re­ichisch-deutschen Wider­stands­gruppe anschloss.
1943 wurde er beim Flug­blatt verteilen von der Gestapo festgenom­men und später von der SS gefoltert, so wurde er aus­gepeitscht und an einem Pfahl aufge­hängt, wodurch ihm die Schul­terge­lenke aus­gerenkt wur­den.
Schließlich wurde er am 15. Jan­u­ar 1944 nach Auschwitz deportiert, dort musste er ab 1944 als Schreiber arbeit­en. Nach der Auflö­sung des KZ Auschwitz wegen der bevorste­hen­den Befreiung durch die Rote Armee, wurde er zunächst nach Mit­tel­bau-Dora in Thürin­gen und dann nach Bergen-Belsen in Nieder­sach­sen gebracht. Am 15. April 1945 wurde dieses KZ schließlich von der Britis­chen Armee befre­it und er kehrte nach Brüs­sel zurück.
In der Zeit nach 1945 bis zu seinem Lebensende ver­suchte er das Erlebte per­sön­lich, aber darüber­hin­aus auch gesellschaftlich zu reflek­tieren, einzuord­nen und zu ver­ar­beit­en. Er schrieb ver­schiedene Romane und kom­men­tierte immer wieder gesellschaft­s­the­o­retis­che Diskus­sio­nen.
Geprägt durch seine eigene Geschichte, seine Iden­tität und Zuschrei­bung als Jude, als der er sich ver­stand und doch nicht ver­stand, for­mulierte er in „Jen­seits von Schuld und Sühne“:
„Ist es so, daß ich der Auschwitzhäftling, dem es wahrhaftig nicht an Gele­gen­heit gefehlt hat, zu erken­nen was er ist, was er sein muß – ist es denkbar, daß ich immer noch kein Jude sein wollte […] ? Wenn heute Unbe­ha­gen in mir auf­steigt, sobald ein Jude mich mit legit­imer Selb­stver­ständlichkeit ein­bezieht in seine Gemein­schaft, dann ist es nicht darum, weil ich kein Jude sein will: nur weil ich es nicht sein kann. Und doch sein muß. Und mich diesem Müssen nicht bloß unter­w­erfe, son­dern es aus­drück­lich anfordere als einen Teil mein­er Per­son. Zwang und Unmöglichkeit Jude zu sein, das ist es, was mir undeut­liche Pein schafft“
Auch über die Zeit der Lager hin­aus ver­störte ihn der wieder­aufk­om­mende Anti­semitismus ger­ade auch in der deutschen Linken. Er schrieb: „Das klas­sis­che Phänomen des Anti­semitismus nimmt aktuelle Gestalt an. Die alte beste­ht weit­er, das nenn ich Koex­is­tenz. […] Anti-Israelis­mus, Anti-Zion­is­mus in rein­stem Vernehmen mit dem Anti­semitismus von dazu­mal. [..] Doch neu ist in der Tat die Ansied­lung des als Anti-Israelis­mus sich gerieren­der Anti­semitismus aus der Linken. Einst war das der Sozial­is­mus der dum­men Ker­le. Heute ste­ht er im Begriff, ein inte­gri­eren­der Bestandteil des Sozial­is­mus schlechthin zu wer­den, und so macht jed­er Sozial­ist sich sel­ber freien Wil­lens zum dum­men Kerl.“
Auch äußerte er sich im Auf­satz „Jar­gon der Dialek­tik“ zu Prob­le­men der Wis­senschaft­s­the­o­rie und darüber hin­aus zu bekan­nten Vertretern der Kri­tis­chen The­o­rie in Deutsch­land : „Dort geht es hoch her mit der Reflek­tiertheit und neg­a­tiv­er Pos­i­tiv­ität, mit Verd­inglichung, unglück­lichem Bewusst­sein und Fun­gi­bil­ität“. Falsche, aus Über­he­blichkeit gewählte, For­mulierun­gen und Ver­suche ein­fach­ste Dinge geschwollen, tief­gründig und vieldeutig auszu­drück­en, lehnte er klar ab. „Jedoch ist sowohl in der franzö­sis­chen als auch der deutschen gehobe­nen Pub­lizis­tik, die über­flüs­sige bis mißbräuch­liche Anwen­dung des Wortes „dialek­tisch“, der ver­gle­ich­sweise harm­lose Aspekt des Prob­lems. Wir haben es da mit einem pseudowis­senschaftlichen Schlüs­sel­wort zu tun, das, wenn es auch nir­gends ein Tor auf­schließt, so doch geeignet erscheint, noch dem anspruch­slos­es­ten Zeitungsar­tikel ein Air höher­er Intel­li­genz zu geben.“
Eine sein­er per­sön­lich­sten Schriften erschien 1976 kurz vor seinem Tod.
In „Hand an sich leg­en“ set­zte er sich mit Suizid und, wie nach seinem Selb­st­tö­tungsver­such 1974 klar war, mit seinem eige­nen Suizid auseinan­der. Er forderte auf, den Selb­st­mörder „nicht als Helden [zu feiern]“ aber „seine ver­schmähte und geschmähte Hand­lung gel­ten [zu] lassen“. Denn „Was gilt, ist die Option des Sub­jek­ts. […] Wir soll­ten ihnen Respekt vor ihrem Tun und Lassen, soll­ten ihnen Anteil­nahme nicht ver­sagen, zumalen ja wir sel­ber keine glänzende Fig­ur machen.“
Er starb durch Selb­st­mord am 17. Okto­ber 1978 in Salzburg.

Unvergessen – Jean Améry

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Die nun vorgestellte Per­son wurde 1923 in Span­dau geboren. Sein Vater heiratete eine katholis­che Frau und gab dafür seinen jüdis­chen Glauben auf. Der Sohn wurde katholisch getauft, besuchte eine katholis­che Schule und wurde Mit­glied bei den katholis­chen Pfadfind­ern.
Als 1935 die ras­sis­tis­chen „Nürn­berg­er Geset­ze“ in Kraft trat­en, galt er plöt­zlich als soge­nan­nter „Hal­b­jude“. Durch die immer stärkere Stig­ma­tisierung von Jüdin­nen und Juden im NS-Staat ver­lor er seine Schul­fre­unde und ‑fre­undin­nen und nach der Reich­s­pogrom­nacht im Jahr 1938 auch seine Lehrstelle als Wäsch­er und Plät­ter.
Im Jahr 1942 wurde er zwangsverpflichtet in der Berlin­er Werkzeug­maschi­nen­fab­rik „Sasse“ Muni­tion zu polieren. Er sabotierte die Pro­duk­tion. Nach mehrma­liger Vor­ladung und Abmah­nung entschloss er sich zur Flucht in die Schweiz.
Aber der Fluchtver­such miss­lang. Er wurde „wegen Passverge­hen und Arbeitsver­trags­bruch“ inhaftiert und für vier Wochen in das Arbeit­slager in Berlin-Wuhlhei­de deportiert. Im April 1943 erfol­gte der Abtrans­port in das Konzen­tra­tionslager Auschwitz. Mit viel Glück über­lebte er. Im Jan­u­ar 1945 wurde das KZ wegen der her­an­rück­enden Roten Armee geräumt. Er über­lebte die Todesmärsche zum KZ Mit­tel­bau-Dora und später zum KZ Bergen-Belsen begeben. Hier wurde er von britis­chen Sol­dat­en befre­it.
Nach dem Ende des Zweit­en Weltkrieges zog er nach Pots­dam und wurde Haup­tkom­mis­sar im Mord­dez­er­nat. Er lernte seine Frau Wal­traud ken­nen und bekam zwei Kinder mit ihr. Er wurde Mit­glied der SED, half beim Auf­bau der Volkssol­i­dar­ität mit, arbeit­ete in der Vere­ini­gung der Ver­fol­gten des Naziregimes und wurde Mit­glied im Kreiskomi­tee der antifaschis­tis­chen Wider­stand­skämpfer. Herz- und magenkrank, wurde er mit 29 Rent­ner.
Im Jahr 1965 las er in der Zeitung, dass der KZ-Arzt Horst Fis­ch­er ver­haftet wor­den war. Horst Fis­ch­er hat­te ihn zweimal für den Trans­port in die Gaskam­mer aus­gewählt, weil er nicht mehr zum Arbeit­en taugte. Er meldete sich als Zeuge und trat somit im Prozess als Haupt­be­las­tungszeuge auf.
Seit dieser Zeit suchte er das Gespräch mit Jugendlichen und erzählte ihnen von seinen Erleb­nis­sen. Er war wegen sein­er ger­adlin­i­gen direk­ten Art sehr überzeu­gend. Nach einem Zeitzeu­genge­spräch in der Realschule im nieder­säch­sis­chen Lengede set­zten sich die Schüler*innen dafür ein, dass ihre Schule nach ihm benan­nt wird.
2008 ver­suchte die CDU-Frak­tion in Pots­dam, am Stan­dort der ehe­ma­li­gen Syn­a­goge eine neue Gedenk­tafel anbrin­gen zu lassen. Deren Inschrift sollte die Ver­wüs­tung des Gebäudes in der Reich­s­pogrom­nacht 1938 und den Abriss des Gebäudes 1957 in der DDR erwäh­nen. Daraufhin ver­fasste er einen empörten Brief, der am 11.06.2008 im Haup­tauss­chuss von einem Mit­glied der VVN-BdA ver­lesen wurde. Er erk­lärte, dass die DDR das Gebäude abreißen ließ, weil sich trotz inten­siv­er Bemühun­gen nie­mand fand, der die Jüdis­che Gemeinde in Pots­dam neu grün­den wollte. So kam man übere­in, das Grund­stück für den Woh­nungs­bau freizugeben. Die Stadt Pots­dam sagte zu, eine neue Syn­a­goge zu bauen, wenn es in Pots­dam wieder eine Ini­tia­tive zur Grün­dung ein­er Jüdis­chen Gemeinde gibt. Vor diesem Hin­ter­grund ist es nicht gerecht­fer­tigt, die Reich­s­pogrom­nacht und den Abriss 1957 in einem Atemzug zu nen­nen. Die CDU zog ihren Antrag nach Auf­forderung der dama­li­gen Ober­bürg­er­meis­ters zurück.
Er starb am 12. Dezem­ber 2009 in Babels­berg und wurde auf dem Fried­hof in Drewitz beige­set­zt.
Seit 2012 trägt der Platz am Babels­berg­er Fin­d­ling seinen Namen. Sei­ther fan­den dort mehrma­lig die städtis­chen Gedenkver­anstal­tung zum Holo­caustge­denk­tag statt.

Unvergessen – Willi Fro­hwein

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Die nun vorgestellte Per­son wurde in Wien geboren. Sie ist Jüdin. Ihr Vater war Frauen- und Kinder­arzt. Als sie sechs Jahre alt war, wurde Öster­re­ich in das nation­al­sozial­is­tis­che Deutsche Reich unter Hitler eingegliedert. Es begin­nt eine Zeit der ständi­gen Angst. Alle Juden und Jüdin­nen wer­den aus dem öffentlichen Leben aus­ge­gren­zt. Auch ihre Fam­i­lie zieht sich zurück, ver­steckt sich, wird fast unsicht­bar.
Ihr Brud­er ist noch in Prag, er kann nun nicht mehr zurück­kom­men. Der Vater muss irgend­wann nach Frankre­ich fliehen. Er wird seine Fam­i­lie nie nach­holen kön­nen.
Die Jahre der Iso­la­tion ver­bringt sie lesend: Klas­sik, Roman­tik, Lyrik…
Sie ist elf, als sie und ihre Mut­ter abge­holt wer­den und nach There­sien­stadt gebracht wer­den. 1,5 Jahre später wer­den sie nach Auschwitz-Birke­nau gebracht.
Sie ist zu jung, um zu arbeit­en. Bei der Selek­tion wird sie zum Ster­ben aus­ge­mustert. Eine Frau meinte zu ihr, sie soll sich nochmal anstellen und drei Jahre älter machen. So über­lebte sie – für den Moment.
Hunger, Schmerz und Angst wer­den ihre ständi­gen Begleit­er. An einem Ort, wo ihr Kör­p­er zer­stört wird, ist ihr die Lyrik eine geistige Stütze. „Die schiller­schen Bal­laden wur­den meine Appellgedichte, mit denen kon­nte ich stun­den­lang in der Sonne ste­hen und nicht umfall­en, weil es immer eine näch­ste Zeile zum Auf­sagen gab, und wenn einem eine Zeile nicht ein­fiel, so kon­nte man darüber nach­grü­beln, bevor man an die eigene Schwäche dachte.“
Sie schreibt auch Gedichte, ihr „Gegengewicht zum Chaos“ im täglichen Wahnsinn des Konzen­tra­tionslagers. „Wer nur erlebt, reim- und gedanken­los, ist in Gefahr den Ver­stand zu ver­lieren.“

DER KAMIN (von Ruth Klüger)

Täglich hin­ter den Barack­en
Seh ich Rauch und Feuer stehn.
Jude, beuge deinen Nack­en,
Kein­er hier kann
dem ent­gehn.
Siehst du in dem Rauche nicht
Ein verz­er­rtes Angesicht?
Ruft es nicht voll Spott und Hohn:
Fünf Mil­lio­nen berg‘ ich schon!
Auschwitz liegt in mein­er Hand,
Alles, alles wird ver­bran­nt.
Täglich hin­term Stachel­draht
Steigt die Sonne pur­purn auf,
Doch ihr Licht wirkt öd und fad,
Bricht die andre Flamme auf.
Denn das warme Lebenslicht
Gilt in Auschwitz längst schon nicht.
Blick zur roten Flamme hin:
Einzig wahr ist der Kamin.
Auschwitz liegt in sein­er Hand,
Alles, alles wird ver­bran­nt.
Manch­er lebte einst voll Grauen
Vor der dro­hen­den Gefahr.
Heut‘ kann er gelassen schauen,
Bietet ruh’g sein Leben dar.
Jed­er ist zer­mürbt von Lei­den,
Keine Schön­heit, keine Freuden,
Leben, Sonne, sie sind hin,
Und es lodert der Kamin.
Auschwitz liegt in sein­er Hand,
Alles, alles wird ver­bran­nt.
Hört ihr Ächzen nicht und Stöh­nen,
Wie von einem, der ver­schied?
Und dazwis­chen
bit­tres Höh­nen,
Des Kamines schau­rig Lied:
Kein­er ist mir noch entron­nen,
Keinen, keine werd ich scho­nen.
Und die mich gebaut als Grab
Schling ich selb­st zulet­zt hinab.
Auschwitz liegt in mein­er Hand,
Alles, alles wird ver­bran­nt.

Schließlich wurde sie ins Frauen-KZ Chris­tianstadt zur Her­stel­lung von Muni­tion und Sprengstoff ver­schleppt. Auf einem der Todesmärsche kann sie endlich fliehen.
Danach begin­nt eine glück­lichere Zeit. „Der erste Som­mer nach dem Krieg, der erste Som­mer in der Frei­heit in Straub­ing in Bay­ern. Es hat nach­her nichts gegeben, was mich so gerührt hat, was so schön war. Ich habe Fahrrad­fahren und Schwim­men gel­ernt. Ich habe ange­fan­gen zu men­stru­ieren, bin erwach­sen­er gewor­den. Ich war nie im Leben vorher oder nach­her so angst­frei und ohne das Gefühl, dass in irgen­dein­er Weise Druck auf mich aus­geübt wird.“
Sie begin­nt in Regens­burg zu studieren. Dann emi­gri­erte sie mit ihrer Mut­ter in die USA und studierte dort Ger­man­is­tik und Bib­lio­thek­swis­senschaften. Als sie beim Kell­nern nach der Num­mer auf ihrem Arm gefragt wurde, antwortete sie, dass das die Tele­fon­num­mer von ihrem Fre­und sei.
Sie pro­movierte und lehrte in Prince­ton und Göt­tin­gen. Sie schrieb Büch­er und veröf­fentlichte Gedichte, bekam Preise und Ausze­ich­nun­gen.
Auf die Frage nach dem warum antwortet sie „Wenn eine Tier­art fast aus­gestor­ben ist, weil sie so inten­siv gejagt wor­den ist, wer­den die übrig gebliebe­nen Exem­plare beson­ders gepflegt.“
Sie ist irgend­wie davongekom­men. Aber sie schreibt „ich wäre ein ander­er Men­sch gewor­den, ganz sich­er, wenn es Hitler nicht gegeben hätte. Dann wäre die ganze Welt anders gewe­sen“, denn „was unter­wegs ver­loren geht, bist immer du selb­st.“
Deutsch­land ste­ht sie ambiva­lent gegenüber, denn „Man weiß halt nicht, was einem dort passieren kann.“

Sie ist heute 87 Jahre alt.

Unvergessen – Ruth Klüger

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Rede­beitrag BlauWeißBunt

Am 27. Jan­u­ar 1945 wurde das Konzen­tra­tionslager Auschwitz durch die Rote Armee befre­it. Heute ist dieses Datum der inter­na­tionale Gedenk­tag an die Entrech­tung, Ver­fol­gung, Aus­beu­tung und Ermor­dung von Mil­lio­nen von Men­schen durch die Nationalsozialist*innen, ihre Kollaborateur*innen und Zuschauer*innen. Dieser Tag bietet unter anderem Anlass innezuhal­ten, der Opfer zu gedenken, den Über­leben­den, von denen es lei­der immer weniger gibt, eine Bühne zu geben und die Erin­nerung wachzuhal­ten.
Im ver­gan­genen Jahr sprach Ani­ta Lasker-Wall­fisch zur Gedenkstunde im Bun­destag. Sie ist Cel­listin, 93 Jahre alt und eine der let­zten Über­leben­den des Mäd­chenorch­esters von Auschwitz sowie des KZ Bergen-Belsen. Nach der Befreiung ging sie nach Großbri­tan­nien, machte weit­er­hin Musik und grün­dete eine Fam­i­lie. 1994, nach dem Tod ihres Mannes, besuchte sie im Alter von 69 Jahren das erste Mal wieder Deutsch­land und kommt seit­dem regelmäßig zu Vor­tragsreisen.
In ihrer Rede erk­lärte sie, dass der Holo­caust der am besten doku­men­tierte Genozid der Men­schheits­geschichte ist. Zeug­nisse von Täter*innen und Opfern sind die trau­ri­gen Beweise für dieses akribisch geplante, durchge­führte und von einem Großteil der deutschen Bevölkerung gebil­ligte Ver­brechen. Und trotz­dem gibt es Men­schen, die ver­suchen Auschwitz zu ver­leug­nen. Ich erin­nere an die Äußerun­gen eines Her­rn Gauland, der meinte, dass der Holo­caust und die Ver­brechen des Nation­al­sozial­is­mus „nur ein Vogelschiss in 1000 Jahren deutsch­er Geschichte“ seien. Solcher­lei ist nicht nur für Ani­ta Lasker-Wall­fisch unerk­lär­lich und ekel­er­re­gend. Gegen Ende ihrer Rede sagte sie noch fol­gen­des: „Es gibt keine Erk­lärun­gen oder Entschuldigun­gen für das, was damals passiert ist. Das einzige was bleibt ist Hoff­nung, die Hoff­nung, dass irgend­wann der Ver­stand siegt.“
Mit diesem Faz­it zeigt sie ganz prak­tisch, wozu uns der heutige Gedenk­tag noch Anlass geben sollte. Zum einen zurück­zuschauen und die Gräuel der Nazis nicht zu vergessen. Zum anderen jedoch vor diesem Hin­ter­grund die Gegen­wart und die Zukun­ft ein­er kri­tis­chen Prü­fung zu unterziehen.
Geschichte wird gemacht, jeden Tag. Eine Moti­va­tion meines antifaschis­tis­chen Han­delns ist es, mich nicht vor mir selb­st oder der näch­sten Gen­er­a­tion ver­steck­en zu müssen, wenn gefragt wird: Was hast du gemacht, als Neon­azis ver­meintliche Aus­län­der durch die Straßen jagten? Was hast du gemacht, als Tausende Men­schen im Mit­telmeer ertrunk­en sind? Was hast du gemacht, als die AfD an die Macht gekom­men ist?
Dann will ich selb­st­be­wusst sagen kön­nen: Ich habe mich dage­gen gestellt. Ich habe den Mund aufgemacht und ich habe sol­i­darisch gehan­delt mit den­jeni­gen, die aus­ge­beutet, ver­fol­gt und ermordet wur­den. Ich habe dafür gekämpft, dass die Hoff­nung darauf, dass let­z­tendlich der Ver­stand siegt, wahr wird.
Das dieses Bestreben unbe­d­ingt notwendig ist, zeigen aktuelle Entwick­lun­gen in Poli­tik und Gesellschaft: Der NSU-Prozess endete ent­täuschend, ist fast schon wieder aus dem gesellschaftlichen Kurzzeitgedächt­nis ver­schwun­den. Rechte Net­zw­erke reichen tief in die staatlichen Struk­turen, wie Ver­wal­tung und Polizei hinein. Die AfD beset­zt ihre Lan­deswahlliste mit stram­men Neon­azis und wird dafür in aktuellen Wahlum­fra­gen mit 20 bis 23 Prozent belohnt. Zugle­ich wer­den Men­schen, die sich für Men­schen­rechte, Frei­heit und Sol­i­dar­ität ein­set­zen krim­i­nal­isiert.
Unsere Auf­gaben und Ver­ant­wor­tun­gen begin­nen an genau diesem Punkt, denn jede von uns gestal­tet aktiv diese Gesellschaft. Jeden Tag. Denn der wichtig­ste Schritt auf dem Weg eine Bar­barei, wie den Nation­al­sozial­is­mus, zu ver­hin­dern ist die Tat­sache, dass wir hier heute alle gemein­sam ste­hen. Die Allianzen, die hier entste­hen sind die Grund­lage und der Rück­halt für die poli­tis­chen Auseinan­der­set­zun­gen, die jede*r von uns in den ganz alltäglichen Sit­u­a­tio­nen zu führen hat. Denn wen es zu erre­ichen gilt sind nicht wir, die wir uns hier gemein­sam den Worten von Ani­ta Lasker-Wall­fisch erin­nern, dass Aufgeben keine Option ist – und nie sein kann. Sich diese Mah­nung vor Augen zu führen ist in Zeit­en des steigen­den neolib­eralen Ver­w­er­tungs­drucks und der zunehmenden staatlichen Repres­sion eine große Her­aus­forderung, den­noch nicht unmöglich. Antifaschis­tis­ch­er Aktivis­mus ist unsere Ver­ant­wor­tung und unsere Auf­gabe ist es im Heute die Ereignisse der Ver­gan­gen­heit und die Poten­ziale von Mor­gen zusam­men zu führen.

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