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Elf und einer

Pick­el und Segelohren, Run­drück­en, Sweat­shirts und Turn­schuhe. Jungs eben. Elf Jugendliche, die in den Saal 215 im Pots­damer Landgericht schlen­zen. Ein­er ist schon vorher hereinge­führt wor­den, in Hand­schellen. Sie sind hier, weil sie eine ter­ror­is­tis­che Vere­ini­gung gebildet haben sollen. Und weil sieben der Jun­gen sich Stur­m­masken und Uni­for­m­jack­en überge­zo­gen haben und nachts über die Bran­den­burg­er Dör­fer gefahren sind, um Aus­län­der einzuschüchtern, Brand­sätze zu leg­en. Damals, als sie das Freiko­rps waren. 

Auf den Zuschauer­bänken sitzen ihre Eltern. Seit Novem­ber sehen sie sich hier in Pots­dam. An zehn nicht öffentlichen Ter­mi­nen wur­den 60 Zeu­gen und Sachver­ständi­ge gehört, sprachen davon, was ihre Söhne ungestört über zehn Monate angerichtet hat­ten. “Das ist unser zweites Zuhause”, scherzt ein Vater mit Gol­drand­brille und rosigem Gesicht. Es ist ein guter Tag für die Eltern, die Stunde der Vertei­di­gung, die Anwälte ihrer Söhne tun ihre Arbeit. Endlich ein­mal wird dem Ober­staat­san­walt widersprochen. 

In ein­er Juli­nacht 2003 hat­ten sich die Jungs auf einem Feld ver­sam­melt, mit Bierk­isten in der Hand und Wut im Bauch. Mut­ter H. hat­te sie vom Hof gewor­fen, sie könne den ewigen Lärm nicht mehr ertra­gen. Sie mussten raus aus der Sche­une, wo sie seit Monat­en ihre Freizeit ver­bracht­en, runter vom Hof, wo son­st beim Mope­d­schrauben über ihnen die Reich­skriegs­flagge flat­terte. Frau H.s Sohn, der damals 18-jährige Gym­nasi­ast Christo­pher, soll in jen­er Nacht laut Zeu­gen­bericht­en gesagt haben, jet­zt müssten den Worten mal Tat­en fol­gen, sie kön­nten einen Club grün­den, eine Brud­er­schaft, Zusam­men­halt, etwas in der Art. Ein­er hat­te noch seine Schul­sachen dabei. Der machte den Pro­tokol­lanten. Alle woll­ten dabei sein. Wenn schon mal was los war, hier in Pausin, dem bran­den­bur­gis­chen Straßen­dorf bei Nauen. 

Sie gaben sich den Namen Freiko­rps und for­mulierten ihr Ziel: Das Havel­land sollte frei wer­den von Aus­län­dern. Damit das geschieht, soll­ten die Dön­er bren­nen. Und die Asia-Imbisse. Eben alles, wo Fid­schis und Kanaken Geld ver­di­enen. Damit sie das auch bezahlen kön­nen, legten sie einen Monats­beitrag fest: fünf Euro pro Freiko­rps-Mit­glied. Für Ben­zin fürs Auto, Ben­zin für die Brand­sätze. Alle unter­schrieben die Satzung mit ihren Initialen. 

Es wurde ein heißer Som­mer, ein sehr heißer Win­ter, auch noch ein wilder Früh­ling. Im Juli 2004 war es aus: Alle zwölf wur­den ver­haftet. Sie hat­ten zwis­chen August 2003 und Mai 2004 zehn Anschläge verübt, im Schnitt einen pro Monat. Sie hat­ten 800.000 Euro Schaden angerichtet, Sach­schaden. Sie waren in dieser Zeit zur Schule gegan­gen, zur Aus­bil­dung, hat­ten Mäd­chen geküsst, Geburt­stage gefeiert, an Mope­ds geschraubt und Exis­ten­zen ver­nichtet. Ihre Müt­ter hat­ten ihre Bomber­jack­en gewaschen, ihre Lons­dale-Sweat­shirts. Und ihre Väter hat­ten vielle­icht mal über den Flur gerufen, sie mögen die Musik leis­er drehen, wenn die Rechtsmucke beim Fernse­hen störte. Kein­er hat gefragt, wo kommst du jet­zt her, was sind das für Aufnäher an dein­er Jacke, was treibt ihr da eigentlich bei den H.s auf dem Hof? Kein­er gesagt, jet­zt ist aber mal Schluss, du bleib­st heute Abend zu Hause. 

Nun sitzen ebendiese Väter und Müt­ter beieinan­der in den Zuschauer­bänken und schauen auf die Rück­en und Hin­terköpfe ihrer Kinder, die schwarzen Talare der Anwälte. Sehen rechts Ober­staat­san­walt Eugen Lar­res sitzen, vorn die Rich­terin. Sie kom­men zu jedem Prozesstag die 30 Kilo­me­ter aus dem Havel­land rübergerutscht, teilen sich — wie damals ihre Söhne — die Ben­zinkosten. Sie flüstern miteinan­der, wenn vorn ver­han­delt wird, geben sich gegen­seit­ig Feuer, wenn Pause ist. 

Nur ein Eltern­paar hat eine Bankrei­he ganz für sich. In den Pausen mei­den sie die anderen Müt­ter und Väter und umgekehrt. Es sind die Eltern H., Christo­phers Eltern, des Jun­gen mit den Hand­schellen. Er ist der Haup­tangeklagte, er gilt als Anführer des Freiko­rps, für ihn fordert Ober­staat­san­walt Lar­res viere­in­halb Jahre Haft. 

Frau H. soll gewusst haben, was ihr Sohn und dessen Fre­unde da trieben. Soll gesagt haben: “Lasst euch nicht erwis­chen!” Noch Mitte Jan­u­ar, kurz vor dem Plä­doy­er des Staat­san­walts, sagte Frau H. dem Rund­funk Berlin-Bran­den­burg: “Das ist alles so hochge­spielt.” Aus­län­der aus dem Havel­land zu vertreiben scheint für sie legit­im, ein­mal soll sie die Jugendlichen zu einem nächtlichen Anschläge gefahren haben. Dass es so war, kon­nte bis heute nicht bewiesen wer­den, es läuft ein Ermit­tlungsver­fahren gegen sie, sagt der Anwalt ihres Sohns, Michael Tschirschke. 

Die Frau sitzt neben ihrem Mann, einem stäm­mi­gen Bran­den­burg­er. Mit ihren rötlichen kurzen Haare und der Brille sieht sie aus wie eine nette Kindergärt­ner­in. Das ist ihr Beruf. Aber Herr und Frau H. sind arbeit­s­los. Den­noch sind sie nicht “sozial deklassiert”, wie es Recht­san­walt Michael Barth im Plä­doy­er für seinen Man­dan­ten Sebas­t­ian A. for­muliert. Die H.s sind alte Pausin­er, “die aus der Schat­ulle leben”. Sie haben Grundbe­sitz, den sie seit Jahren erschließen und anschließend als Bauland verkaufen. Aber, sagt Barth, “sie gefie­len sich als Arbeit­slose” und sucht­en nach “welchen, die unter ihnen sein müssen”. Was sie beim Bier in der Dor­fkneipe oder am häus­lichen Abend­brot­tisch predigten — Sozial­neid und Aus­län­der­hass — haben ihr Sohn und dessen Fre­unde in Tat­en umgesetzt. 

Kein Wort fällt zwis­chen den H.s und den Eltern der anderen elf Angeklagten. Leicht zu erk­lären, fol­gt man der Argu­men­ta­tion der Anwälte sein­er Mitangeklagten. Von “elf und einem Angeklagten” spricht Anwalt Barth in seinem Plä­doy­er. Er vertei­digt das jüng­ste Freiko­rps-Mit­glied, “den Benjamin”. 

Sebas­t­ian A., damals 14 Jahre alt, hat in der Nacht auf dem Feld seine Ini­tiale unter den Wisch geset­zt. Er hat — anders als fünf sein­er Mitangeklagten — von Anfang an gesagt, Brände leg­en zu wollen. Und der heute 16-Jährige mit den rosi­gen weichen Gesicht­szü­gen hat sein Ver­sprechen gehal­ten. In den Wei­h­nachts­fe­rien 2003 hat er gemein­sam mit Stef­fen V. einen Döner­im­biss in Falkensee in Brand gesteckt. Eine Anwohner­in löschte das Feuer rechtzeit­ig. Drei Monate später war dann ein Grill in Schön­walde dran. Stef­fen V. und Sebas­t­ian A. brachen den Imbiss auf, set­zen ihn in Brand. Dies­mal klappte alles: Der Inhab­er war ruiniert. 

Hun­dert Meter ent­fer­nt, im Auto, wartete Christo­pher H. im Schutz der Dunkel­heit. Er hat ihnen den Kanis­ter mit dem Brandbeschle­u­niger gegeben, argu­men­tiert der Anwalt. Er war der Älteste, der Anführer. Der eine. 

Vier Monate nach diesem Anschlag — dem acht­en von zehn — wer­den elf und ein­er festgenom­men. Der eine — Christo­pher — bleibt in Unter­suchung­shaft. Bis jet­zt. Gegen alle gemein­sam wird wegen Bil­dung ein­er ter­ror­is­tis­chen Vere­ini­gung ermit­telt. Das heißt: bis zu zehn Jahren Haft. 

Möglicher­weise ist das ein struk­tureller Fehler in diesem Ver­fahren. Denn wohl waren alle, die hier in Saal 215 sitzen, in jen­er Juli­nacht auf dem Feld dabei. Gle­ich­wohl haben nur sieben von ihnen tat­säch­lich Bran­dan­schläge verübt. 

“Was heißt denn hier die Angeklagten?”, fragt pro­vokant der Anwalt von Michael B. in seinem Plä­doy­er. “Da muss doch mal eine Einord­nung stat­tfind­en.” Und Recht­san­walt Wolf­gang Kysel­ka ord­net ein. 

Er spricht von “Vorverurteilung” durch die Medi­en, bestre­it­et, dass die Anschläge auf die — in aller Regel nicht ver­sicherten — Imbiss­be­treiber “ver­heerend” gewe­sen seien, dies Adjek­tiv stünde wohl nur dem Tsuna­mi in Südostasien zu. Er fährt die Strate­gie aller Anwälte der elf Havel­län­der: den Ter­ror­vor­wurf vom Tisch wis­chen und anschließend den eige­nen Mandante
n zum Ver­führten stil­isieren. Die Eltern haben es im Laufe der Zeit verin­ner­licht, dass es beson­ders schlimm war, was H. getan hat. Und das, was ihre Söhne getan haben, wohl nicht so schlimm. Dazu passt, was der Anwalt sagt. Wolf­gang H. Kysel­ka zitiert ein Gutacht­en, das B. zur Tatzeit einen Blutalko­hol­spiegel von 2,62 Promille bescheinigt, und endet mit den Worten, im Fall G. “brauchen wir über Strafe nicht zu reden”. Freis­pruch lautet sein Antrag. 

Es ist das achte Plä­doy­er von zwölf. Das erste, in dem Freis­pruch gefordert wird. In die Zuschauer kommt Bewe­gung, ihre Mienen hellen sich auf. Die Eltern stoßen einan­der mit den Ellen­bo­gen an, in der Pause wird der Vater des Angeklagten Patrick W. mur­ren: “Unglaublich, was ein erwach­sen­er Mann sich hier leis­ten darf.” Er meint damit Ober­staat­san­walt Larres. 

In der let­zten Sitzungspause ist die Stim­mung lock­er. Die Angeklagten lär­men ein biss­chen im Gang vor dem Saal. Es hat etwas von Schul­hof, sie teilen sich Zigaret­ten, Man­dari­nen und Knop­pers. Ein Anwalt ist in der let­zten Woche Vater gewor­den — das wird lau­nig von den Kol­le­gen kom­men­tiert. Die Beamten am Ein­gang zum Gericht fan­gen an, die Sicher­heitss­chleuse abzubauen, es war ein langer Tag. Nur noch zwei Plä­doy­ers ste­hen aus. 

Als die Jus­ti­zangestellte wieder in den Saal ruft, ziehen manche Eltern ihre Jack­en gar nicht erst aus — es ist eh gle­ich vor­bei. Eine Mut­ter macht es sich in der zweit­en Rei­he bequem und legt ihre Füße auf den Vorder­sitz. Dieter Frit­zler, der Anwalt von Pas­cal B., spricht in seinem Plä­doy­er von einem “Fre­un­deskreis, Kindern kann man sagen”. Dass die dem “chemiein­ter­essierten Bomben­leger” Christo­pher H. aufge­sessen seien, mache aus der Gruppe doch keine ter­ror­is­tis­che Vere­ini­gung. Er schildert, wie in den Anfän­gen des Freiko­rps, im August 2003, der erste Anschlag scheit­erte. Der Asia-Imbiss in Nauen war — das hat­ten die drei Täter nicht bedacht — ver­git­tert, und mit dem mit­ge­bracht­en Schrauben­zieher beka­men sie das Schloss nicht auf. Eine Mut­ter kann ihr Lachen kaum unter­drück­en. Woll­ten sie wohl an die Vor­räte im Imbiss ran, die Jungs. Hat nicht geklappt. “Ist auch bess­er für die Fig­ur”, flüstert sie hör­bar ihre Sitz­nach­barin zu. Anwalt Frit­zler nen­nt den miss­glück­ten Anschlag eine “Besich­ti­gung” und fordert Freis­pruch für seinen Mandanten. 

Es ist alles gesagt an diesem Tag, die Rich­terin schließt die Ver­hand­lung. Die Anwälte, die Eltern und ihre Söhne ver­lassen Saal 215. Christo­pher H.s Hand­schellen klick­en, am Gang zum Zel­lenge­bäude warten seine Eltern auf ihn. Mut­ter H. will ihrem Sohn durchs Haar fahren. Er duckt sich weg.

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Folter-Opfer wollte sich das Leben nehmen

(Tagesspiegel, 5.3.) Frank­furt (Oder) — Im Folter-Prozess vor dem Landgericht Frank­furt hat am
Fre­itag das Opfer die bru­tal­en Mis­shand­lun­gen geschildert. Bei der Befragung
des 23-Jähri­gen musste die Öffentlichkeit den Saal ver­lassen, da persönliche
und intime Dinge zur Sprache kom­men wür­den. Der in einem Neben­raum sitzende
Mann wurde per Videoschal­tung ver­nom­men, um eine Kon­fronta­tion mit den
Angeklagten zu vermeiden. 

Nach Angaben sein­er Anwälte lei­de der 23-Jährige infolge der erlittenen
Folterorgie an ein­er post­trau­ma­tis­chen Belas­tungsstörung. Er habe extreme
Schlaf­störun­gen mit Alb­träu­men und tagsüber plöt­zlich auftretende
“Flash­backs”, in denen er das Trau­ma und die Schmerzen immer wieder
durch­lebe. Nach Angaben ein­er Klinik hat das Opfer im Sep­tem­ber versucht,
sich das Leben zu nehmen. 

In dem Ver­fahren sind drei Män­ner zwis­chen 21 und 29 Jahren angeklagt, das
Opfer am 5. Juni 2004 ent­führt, über Stun­den gefoltert und verge­waltigt und
in Todes­ge­fahr gebracht zu haben. Zwei Frauen ste­hen wegen Bei­hil­fe vor
Gericht. Als Motiv für die Tat führt die Anklage “auf tief­ster Stufe
ste­hende, men­schen­ver­ach­t­ende, dumpfe recht­sex­trem­istis­che Einstellungen”
an. 

Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt.

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Absolute Ausnahme”

(MAZ, 5.3.) SCHULZENDORF “Gegen Ras­sis­mus bin ich auf jeden Fall. Aber ob ich stumpf
oder schlau bin, das müsst ihr schon raus­find­en”. Schnell kam Bela B
Felsen­heimer gestern mit rund 40 jun­gen Leuten im “Butze”-Klub ins Gespräch.
Anlass war die Ver­lei­hung des Titels “Schule ohne Ras­sis­mus — Schule mit
Courage” im Rah­men der namensgeben­den, bun­desweit­en Aktion an die
Gesamtschule Schulzen­dorf. Deren promi­nen­ter Pate ist der Schlagzeuger der
Band “Die Ärzte”. 

Eine “absolute Aus­nahme” nan­nte Man­ag­er Axel Schulz diese Paten­schaft. Aber
nach den jüng­sten, erschreck­enden Wahler­fol­gen rechter Parteien in
Ost­deutsch­land wolle sich Bela B sein­er Ver­ant­wor­tung nicht entziehen. Der
braune Boden­satz sterbe langsam ab, sagte der in Ham­burg lebende Künstler
(40) über die Alt­nazis, “aber DVU und NPD fan­gen an, bei der Jugend zu
grasen. Dage­gen möchte ich ein Zeichen setzen. ” 

Wie das mit den Recht­en gewe­sen sei, “als Du so 15, 17 Jahre alt warst?”
wollte Patrick Fröming wis­sen. Wenn einem fünf Bomber­jack­en ent­ge­gen kamen,
sei man auf die andere Straßen­seite gewechs elt. “Das”, sagte Bela B, “war
dama ls so wie heute”. 

Klar Posi­tion gegen Rechts beziehen die “Ärzte” seit ihrer Wiedervereinigung
(1993). “Musik ist sehr wichtig”, so Bela B: “Ab ein­er bestimmten
Wichtigkeit ist man schon gezwun­gen, sich zu äußern.” Am deut­lich­sten in dem
Lied “Schrei nach Liebe”, das sich gegen Neon­azis mit Springerstiefeln
richtet. “Auf euren Konz­ertkarten ste­ht immer, Nazis ver­boten. Lasst ihr
Glatzen draußen?” fragte Christin Müller. Es sei gefährlich, Leute nur auf
ihr Äußeres zu reduzieren, so Bela B. Sich­er seien auch Skin­heads im
Pub­likum. “Aber wir acht­en darauf, dass sie keine ein­deuti­gen Aufnäher
tra­gen.” Im Inter­net habe er die Diskus­sion über die mit­tler­weile verbotene
Marke “Thor Steinar” ver­fol­gt, erzählte Bela B. Für ihn der Ver­such, “über
hippe Klam­ot­ten Jugendliche für die rechte Szene zu rekrutieren.” 

Ob er glaube, meldete sich Christin Müller erneut zu Wort, dass die braune
Zeit wiederkomme? “Vor einem neuen Hitler müssen wir keine Angst haben”,
meinte Bela B — und mah­nte die in dem aktuellen “Ärzte”-Song “Deine Schuld”
beschworene Zivil­courage an. Beispiel­weise könne man schon mal den Mund
auf­machen, wenn man her­aus­finde, dass der Händler an der Ecke in seinem
“Kiosk die Nation­al-Zeitung verkauft”.

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Freikorps” wollte Ausländer vertreiben

(Frank­furter Rund­schau, 5.3.) Pots­dam · 4. März · epd · Im ersten Prozess um die Bil­dung einer
ter­ror­is­tis­chen Vere­ini­gung recht­sex­tremer Jugendlich­er in Brandenburg
sollen am Mon­tag vor dem Ober­lan­des­gericht in Pots­dam die Urteile verkündet
wer­den. Die Gen­er­al­staat­san­waltschaft hat für drei der zwölf Angeklagten
Haft­strafen zwis­chen zwei und viere­in­halb Jahren gefordert. Für den
20-jähri­gen Abi­turi­ent Christo­pher H. — Haup­tangeklagter und Ini­tia­tor der
2003 gegrün­de­ten “Kam­er­ad­schaft Freiko­rps” — soll die höch­ste Strafe
ver­hängt wer­den. Neun Beschuldigte sollen mit Bewährungsstrafen davonkommen. 

Den Jugendlichen wird eine Serie von Bran­dan­schlä­gen auf ausländische
Imbisse im Havel­land zwis­chen August 2003 und Mai 2004 vorge­wor­fen. Dabei
ent­standen Schä­den von mehr als 700 000 Euro. Die Angeklagten haben die
Vor­würfe weit­ge­hend eingeräumt. Zum Anklagepunkt der Bil­dung einer
ter­ror­is­tis­chen Vere­ini­gung erk­lärten sie sich nicht schuldig. 

Ziel der “Kam­er­ad­schaft Freiko­rps” war laut Gen­er­al­staat­san­waltschaft, als
Aus­län­der aus der Region zu vertreiben. Alle Angeklagten seien rechtsextrem
geprägt. Durch die Zielset­zung und die dauer­hafte Organ­i­sa­tion­sstruk­tur sei
der Tatbe­stand der Bil­dung ein­er ter­ror­is­tis­chen Vere­ini­gung erfüllt. Der
Haup­tangeklagte sitzt seit mehreren Monat­en in Untersuchungshaft.

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Polizeischüler entlassen

(MAZ, 5.3.) BASDORF Ein 19-jähriger Polizeis­chüler ist nach dem Auftritt in einem
Gewaltvideo von der Bran­den­burg­er Fach­hochschule der Polizei in Basdorf
(Barn­im) ent­lassen wor­den. Außer­dem habe die Schule einen Dozen­ten von
sein­er Lehrtätigkeit ent­bun­den, teilte die Schule gestern mit. Die
Bürg­er des Lan­des müssten sich auf die Polizei ver­lassen kön­nen. Für
Gewalt und Erniedri­gung sei deshalb an der Schule kein Platz, heißt es
in der Mitteilung. 

Polizeis­chüler des mit­tleren Dien­stes haben ver­schiedene Sta­tio­nen ihrer
Aus­bil­dung auf einem Videoband fest­ge­hal­ten. Dabei hat­te der jetzt
ent­lassene 19-Jährige an ein­er Puppe gewalt­tätige und sexuelle
Hand­lun­gen simuliert. 

Bran­den­burgs Innen­min­is­ter Jörg Schön­bohm (CDU) vertei­digte die
Ent­las­sung des Polizeis­chülers. Der Dienst in der Polizei erfordere
Charak­ter­stärke, so der Min­is­ter. Der Schüler habe diese notwendige
Eig­nung in ekla­tan­ter Weise ver­mis­sen lassen. Er begrüße deshalb das
kon­se­quente Vorge­hen des Präsi­den­ten der Fachhochschule.

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Gubens Abgeordnete lehnen Gedenksitzung mit Gubin ab

Wie bege­hen die Guben­er den 60. Jahrestag des Kriegsendes? Mit dieser Frage
beschäftigten sich am Mittwoch aus­giebig die Stadtverord­neten. Am Ende der
Diskus­sion stand ein Beschluss, der noch für reich­lich Gesprächsstoff sorgen
könnte. 

Es sind nur noch wenige Wochen, bis sich am 8. Mai zum 60. Mal das Ende des
ver­heeren­den Zweit­en Weltkrieges jährt. In viel­er­lei Hin­sicht laufen im
öffentlichen Leben bere­its Vor­bere­itun­gen für diesen Tag. Und wie begeht
Guben, eine Stadt, die seit jen­em Krieg mit ihrer Teilung leben muss, dieses
his­torische Ereignis? 

Erste Vorbereitungen 

Erste Antworten darauf wur­den am Mittwoch in der Stadtverordnetenversammlung
gegeben. So erk­lärte Uwe Schulz von der Stadtver­wal­tung, dass zwei
Ver­anstal­tun­gen vor­bere­it­et werden. 

Am 24. April, jen­em Tag, an dem die Kriegshand­lun­gen in der Neißestadt
ende­ten, soll die erste der bei­den Ver­anstal­tun­gen auf dem Platz des
Gedenkens stat­tfind­en. Am 8. Mai selb­st ist dann eine weit­ere Veranstaltung
auf dem West­fried­hof geplant. 

Vorschlag der PDS-Fraktion 

Im Ver­lauf der Stad­tratssitzung ging es dann um einen Beschlussvorschlag der
PDS-Frak­tion. Diese plädierte für eine gemeinsame
Stadtverord­neten­ver­samm­lung mit den Gubin­er Kol­le­gen. Nach­dem Christine
Knapik den Antrag begrün­det hat­te, entwick­elte sich eine Diskus­sion, in der
mehr und mehr Argu­mente gegen solch eine gemein­same Sitzung zusammengetragen
wurden. 

Da waren zunächst die per­sön­lichen Befind­lichkeit­en von Dieter Hausmann
(GUB-SPN), der zu jenen gehörte, die den Ost­teil der Stadt 1945 verlassen
mussten: «Vier Stun­den hat­ten wir damals Zeit, unsere Sachen zu packen.» 

Andere Abge­ord­nete, beispiel­sweise der Vor­sitzende des Stadtrats,
Klaus-Dieter Fuhrmann (CDU), waren nicht generell gegen eine gemeinsame
Sitzung, plädierten aber dafür, diese eher für die Behand­lung von Sachthemen
zu nutzen. 

Unter­stützt wurde Fuhrmann beispiel­sweise von Axel Scher­ler (SPD), der
erk­lärte, dass man sich eine solch rein sym­bol­is­che Sitzung sparen könne.
Wichtiger sei die sachori­en­tierte Arbeit während solch gemeinsamer
Beratungen. 

Klaus-Dieter Müller (GUB-SPN) trug ein weit­eres Argu­ment vor: «Wir wis­sen ja
nicht mal, ob die Gubin­er Seite das will.» Und seine Frak­tion­skol­le­gin Jana
Wilke erk­lärte, dass das The­ma zu sen­si­bel sei, als dass sie dem Antrag in
dieser Form zus­tim­men könne. 

Ein­ladung an die Nachbarn 

Etwas andere Töne schlug Andreas Eck­ert (SPD) an. Er unter­bre­it­ete den
Vorschlag, die Par­la­men­tari­er bei­der Seit­en kön­nten sich doch bei der
Ver­anstal­tung «Friede im Land» in der Klosterkirche tre­f­fen. Und die
Stadtver­wal­tung betonte, dass selb­stver­ständlich die pol­nis­chen Part­ner zu
den zwei genan­nten Ver­anstal­tun­gen ein­ge­laden werden. 

Über den PDS-Antrag wurde let­ztlich geheim abges­timmt. Mit acht Ja‑, 15
Nein­stim­men und zwei Enthal­tun­gen wurde die gemein­same Sitzung mehrheitlich
abgelehnt.

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Integration in Theorie und Praxis

(MOZ, 4.3.) Straus­berg (MOZ) Die Inte­gra­tion von Zuwan­der­ern ist The­ma ein­er aktuellen
Stunde in der näch­sten Stadtverord­neten­ver­samm­lung. Inof­fiziell wurde
bere­its bekan­nt, dass in Straus­berg ein Asyl­be­wer­ber­heim ein­gerichtet werden
soll. Die Bun­deswehr ist unter­dessen bemüht, mit ein­er Zusam­me­nar­beit mit
dem Sozial­park Märkisch-Oder­land die Inte­gra­tion deutschstämmiger
Spä­taussiedler zu fördern. 

“Das Luft­waf­fe­naus­bil­dungs­batail­lon ist neu am Stan­dort Straus­berg und
dieses Gefühl, in Straus­berg neu zu sein, das verbindet Sie mit uns. Deshalb
möcht­en wir uns heute Ihnen als Mit­bürg­er der Stadt Straus­berg vorstellen
und Sie ken­nen ler­nen.” Mit diesen Worten brach Leut­nant André Knappe gleich
zur Begrüßung das Eis bei der ersten Begeg­nung von Luft­waf­fen­sol­dat­en mit
Spä­taussiedlern ihrer Garnisonstadt. 

In den Sozial­park Märkisch-Oder­land sind dieser Tage sechs Sol­dat­en, vom
Gefre­it­en bis zum Leut­nant, alle aus der 18. Kom­panie des
Aus­bil­dungs­batail­lons, gekom­men. “Kreativ für Tol­er­anz” heißt das Projekt,
das im Rah­men der Teil­nahme am Vic­tor-Klem­per­er-Jugendwet­tbe­werb von André
Knappe betreut wird. Speziell für die Straus­berg­er Sol­dat­en geht es um
Inte­gra­tion und Tol­er­anz in Strausberg. 

Schon eine Woche zuvor hat­ten die teil­nehmenden Sol­dat­en in einem
zweistündi­gen Sem­i­nar in der Barn­im-Kaserne das The­ma Tol­er­anz erörtert.
Unter Leitung von Haupt­mann Detlef Buch beschäftigten sie sich mit
the­o­retis­chen Grund­la­gen und zahlre­ichen Fall­beispie­len. Die Prax­is aber
liegt fast vor ihrer Tür. Schließlich ist der Sozial­park Märkisch-Oderland
im Bürg­er­haus des Wohnge­bi­ets Hegermüh­le keine zwei Kilo­me­ter vom
Kaser­nen­tor entfernt. 

Nach einem Rundgang durch die Räume des haupt­säch­lich durch ehrenamtliches
Engage­ment betriebe­nen und unter Geschäfts­führung von Edel­gard Neukirch
ste­hen­den Vere­ins stand die Begeg­nung mit rund 15, zumeist älteren
Spä­taussiedlern auf dem Pro­gramm. Doch zunächst über­rascht­en Kinder die
Sol­dat­en mit ihrem glock­en­hellen Gesang rus­sis­ch­er und deutsch­er Lieder. Das
rührte die Sol­dat­en sehr und unter­strich die Mühen von Seit­en des
Sozial­parks. André Knappe berichtet: “Bei Kaf­fee und Kuchen erfuhren wir,
wie es den Aussiedlern in ihrer ehe­ma­li­gen Heimat Rus­s­land ergan­gen ist und
wie sich die Rück­kehr in die neue Heimat Straus­berg mit all ihren Problemen
vol­l­zog.” Dabei hät­ten sich die Worte ein­er Frau beson­ders eingeprägt: “Wir
sind zurück in unser­er eigentlichen Heimat und hof­fen, unsere endgültige
Heimat in Straus­berg gefun­den zu haben.” 

Aus dem Pro­jekt entwick­elt sich jet­zt ein andauern­des Engage­ment der
Bun­deswehr am Stan­dort. Haupt­mann Buch und Leut­nant Knappe wer­den darüber in
der näch­sten Stadtverord­neten­ver­samm­lung am 10. März bericht­en. Außerdem
sollen dort die PDS-Stadtverord­nete Tama­ra Kling, selb­st Aussiedlerin,
Elvi­ra Ziese vom Sozial­park MOL, der Leit­er des Jugend- und Sozialamtes
Märkisch-Oder­land Thomas Bödu­el und Pfar­rer Ekke­hard Kirch­n­er vom
Arbeit­skreis gegen Gewalt und Frem­den­feindlichkeit zum The­ma Inte­gra­tion von
Zuwan­der­ern sprechen. 

Auf Inter­esse dürften beson­ders die Aus­führun­gen des Amt­sleit­ers aus Seelow
stoßen, denn das Lan­drat­samt plant, schrit­tweise das Asyl­be­wer­ber­heim im
Roten Luch von Wald­siev­ers­dorf außer Betrieb zu nehmen und stattdessen ein
solch­es Durch­gang­sheim im Straus­berg­er Stadt­ge­bi­et einzuricht­en. Bis­lang gab
es dazu nur Infor­ma­tio­nen hin­ter ver­schlosse­nen Türen, weil die
ver­traglichen Voraus­set­zun­gen mit dem Eigen­tümer der vorgesehenen
Liegen­schaft noch nicht geschaf­fen seien, bestätigte Thomas Bödu­el gestern
auf Anfrage der MOZ. Hin­ter­grund der Ver­lagerung sei nicht zulet­zt die
Abgeschieden­heit des Roten Luchs, wo kaum noch von Inte­gra­tion gesprochen
wer­den könne.

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Vergessene Orte

(MAZ, 4.3.) BRANDENBURG Die Motive wirken nahezu irri­tierend banal. Plattenbaufassaden,
umzäunte Baulück­en, Bret­ter­stapel auf Hin­ter­höfen, ein Parkhaus -
aufgenom­men aus ein­er Per­spek­tive, die wed­er Fra­gen stellt noch den allseits
bekan­nten Szene­r­ien eine span­nen­dere als die gewöhn­liche Sicht abgewinnt.
Nichts wird fokussiert, Men­schen sind kaum zu sehen, wirken dann seltsam
ver­loren und wie aus Verse­hen vom Auge der Kam­era mit erfasst. Was also war
hier des Blick­es durch den Such­er wert? Worauf will der Fotograf unsere
Aufmerk­samkeit lenken? 

Erst die sparsamen Noti­zen neben den 16 Farbtafeln lassen erkennen,
begreifen, schaud­ern. Ein Orts- und ein Straßen­name. Zwei Jahreszahlen, die
Anfang und Ende markieren. 

Let­zteres kam 1938, über­all. Wie eine Welle dringt das Wis­sen in die Bilder,
füllt aus, was als Lücke und Leere zu erfassen war, macht hier die
Gedenk­tafel an der Hauswand sicht­bar, dort den David­stern im Mosaikpflaster.
Die Ausstel­lung “Erin­nertes Vergessen”, die derzeit im Foy­er des
Bran­den­burg­er The­aters zu sehen ist, zeigt ehe­ma­lige Stan­dorte jüdischer
Syn­a­gogen in Deutsch­land. Der Braun­schweiger Architekt Ulrich Knufinke hat
die größ­ten­teils in der so genan­nten Reich­skristall­nacht gebrandschatzten
Bet- und Gotteshäuser im Zuge his­torisch­er Recherchen aufge­spürt, ihre
ein­sti­gen Grun­drisse aufgemessen, die Stät­ten fotografisch dokumentiert.
Erfasst als “kein Bild von etwas, son­dern von einem Fehlen, das nur mit dem
Wis­sen um das Fehlende gefüllt wer­den kann”, beschreibt Knufinke, was er
sein “fotografis­ches Dilem­ma” nen­nt. Die Bilder braucht­en die Verknüpfung
zur eige­nen Erin­nerung wie der Knoten im Taschen­tuch. “Man macht sich sein
Bild vom ein­sti­gen Geschehen, bildet sich Erin­nern ein.” In der Tat
entwick­eln die Auf­nah­men bei län­ger­er Betra­ch­tung eine immer deutlicher
wahrnehm­bare Sprache, bilden den Rah­men für das eigene, ver­ste­hbare Bild,
welch­es plöt­zlich auch den Brück­en­gang vom his­tori-schen Bezug ins Hier und
Jet­zt eröffnet. Entset­zen verur­sacht nicht nur das his­torische Wis-sen um
das mörderische Tun an den Gebäu­den, ihren Erbauern und Nutzern, an
jüdis­ch­er wie auch der nationalen Kul­tur. Die Bilder sind schmer­zlich bis in
die Gegen­wart, weil sie auch zeigen, wie Syn­a­gogen nicht nur nicht wieder
aufge­baut, son­dern bis heute von der Stadt­pla­nung sys­tem­a­tisch ignoriert
beziehungsweise fremd­genutzt wur­den. “Zu sehen, wie man nach der
frev­el­haften Zer­störung in Deutsch­land zur Tage­sor­d­nung überg­ing, muss
Betrof­fen­heit aus­lösen”, sagt Peter Macke, Vor­sitzen­der des
Stiftungs­beirates der Begeg-nungsstätte Schloss Goll­witz als Veranstalter
der Exposi­ti-on. Die Vere­in­nah­mung der Orte ein­stiger Kon­tem­pla­tion für
heutige pro­fane Zwecke nen­nt Macke sakri­legisch, das so deut­lich offenbarte
Sich-Abfind­en ungeheuerlich. 

Angesichts dieser Unge­heuer­lichkeit, vor allem Jugendlichen eine Kul­tur der
authen­tis­chen Begeg­nung zu eröff­nen, ist Ziel der Stiftung Begegnungsstätte
Goll­witz, die ab 2006 im dann sanierten Her­ren­haus Wochensem­inare für
jüdis­che und nichtjüdis­che Jugendliche anbi­eten wird. 

Dazu passt als einziges Hoff­nung trans­portieren­des Foto das der
ste­henge­bliebe­nen Mauer der Bran­den­burg­er Synanoge in der Großen
Münzen­straße, die heute den Schul­hof ein­er Grund­schule begren­zt. Die Kinder
fehlen, doch man kann ihr Lachen, ihr Spie­len fast hören angesichts des
Bas­ket­bal­lko­rbs, der zu deut­lich für Unab­sichtlichkeit­en den rechten
vorderen Bil­drand be-grenzt. 

Zur Ausstel­lung gibt es, pas-send zur ständi­gen inhaltlichen Wand­lung und
Ergänzung, einen Lose-Blatt-Kat­a­log mit ein­führen­dem Text und
Schwarz-Weiß-Aufnahmen.

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Die Geschichte weitergeben

(MAZ, 4.3.) KREMMEN Es ist ihnen Schlimmes wider­fahren in Krem­men. Und doch wollen drei
Frauen aus der Ukraine noch ein­mal an den Ort zurück­kehren, an dem sie ihre
Jugend gelassen haben. Anna Kolenko, Lidi­ja Ser­no­va und Maria Slominskaja
waren Zwangsar­bei­t­erin­nen in der Muni­tions­fab­rik in Orion. 

In mehreren Briefen schildert Anna Kolenko ihre Erin­nerun­gen, erzählt über
ihre schwere Kind­heit. Als sie neun Jahre alt war, starb ihr Vater in der
Ukraine. Zwei Jahre später ihre Mut­ter. Zusam­men mit ihrer Schwest­er hauste
sie in ein­er Erd­höh­le, immer von Hunger geplagt. 1941 wurde ihr Heimatort
Saporosche von den Deutschen okkupiert. Die Men­schen wur­den aus ihren
Häusern ver­trieben, vor allem Jugendliche wur­den ver­schleppt. Anna Kolenko
war 17 und ver­suchte, sich vor den Deutschen zu ver­steck­en, lief sich die
Füße blutig. Aber es half nichts. Zusam­men mit 40 Land­sleuten wurde sie in
einen Viehwag­gon gepfer­cht, der nach Deutsch­land fuhr. Anna Kolenko und die
bei­den anderen Frauen lan­de­ten in Ori­on nahe Krem­men. 60 Men­schen teilten
sich drei Räume in ein­er Holzbaracke. Das gesamte Werks­gelände war mit
Stachel­draht eingezäunt. Egal ob Som­mer oder Win­ter, abends um sechs wurden
die Barack­en ver­ram­melt, Fen­ster und Türen ver­schlossen. Entwed­er herrschte
klir­rende Kälte oder unerträgliche Hitze. Und nie ließ der Hunger nach.
Unter streng­ster Bewachung wur­den die Frauen zur Arbeit in die Fabrik
gebracht. Auf dem Weg ver­sucht­en die Zwangsar­bei­t­erin­nen Gräs­er zu rupfen
und sie zu essen. Mehr als zwölf Stun­den mussten sie schuften, meis­tens im
Ste­hen. Mehr als eine Wasser­suppe und Brot­er­satz mit Säge­mehl beka­men sie
nicht. Manch­mal gelang es den Frauen, ein wenig Schweine­fut­ter zu stehlen. 

Die Arbeit mit der Leucht­mu­ni­tion war sehr gefährlich. Anna Kolenko erinnert
sich an eine Explo­sion, bei der fünf Mäd­chen star­ben. Es gab eine ganze
Rei­he von Todes­fällen. Viele über­lebten die völ­lige Iso­la­tion und die
grausamen Demü­ti­gun­gen nicht. Die Qualen der jun­gen Frauen hat­ten erst ein
Ende, als sie am 24. April 1945 von sow­jetis­che Sol­dat­en befre­it wur­den. Da
war Anna Kolenko ger­ade 21 Jahre alt. 

Im Okto­ber 2003 lag auf dem Schreibtisch von Bürg­er­meis­ter Klaus-Jürgen
Sasse ein Brief, der den Absender der 79-jähri­gen Anna Kolenko trug. Sie
würde gern noch ein­mal nach Krem­men kom­men und beson­ders der jungen
Gen­er­a­tion von ihren dama­li­gen Erleb­nis­sen bericht­en. Im Rathaus wur­den alle
Hebel in Bewe­gung geset­zt, um diesem Wun­sch nachzukommen. 

Inzwis­chen hat sich mit Eri­ka Schulz aus Hohen­bruch, Rein­er Tietz aus
Som­mer­feld und Eck­hard Koop aus Krem­men eine Arbeits­gruppe gebildet, die den
Besuch der drei Frauen vom 4. bis 11. Mai vor­bere­it­et. Das Bürg­er­fo­rum der
Lokalen Agen­da hat sich eingeschal­tet und För­der­mit­tel beantragt. Die
Stiftung “Erin­nerung, Ver­ant­wor­tung, Zukun­ft” in Berlin wird 1500 Euro für
den Aufen­thalt der drei Frauen in Krem­men bere­it­stellen. Im Stadthaushalt
sind 4000 Euro für den Besuch eingestellt. 

Das Bürg­er­fo­rum hat trotz­dem ein Spendenkon­to ein­gerichtet. Wer etwas für
die Frauen tun möchte, kann sich bei Rein­er Tietz unter 033055/7 20 38
melden.

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Plastinator-Vater als SS-Mann enttarnt

(Moni­ka Piotrows­ka, LR, N‑Ost) Ger­hard Liebchen, Vater des Kör­per­wel­ten-Erfind­ers Gun­ther von Hagens, soll
in Sieni­awa (Schön­walde) einen Betrieb zur Plas­ti­na­tion von Leichenteilen
auf­bauen. Nun wurde er als SS-Mann enttarnt. 

Seit Kör­per­wel­ten-Mach­er Gun­ther von Hagens im pol­nis­chen Dorf Sieniawa,
etwa 50 Kilo­me­ter östlich von Cot­tbus, ein altes Fab­rikgelände erwor­ben hat
und dort Teile sein­er Leichen­prä­pa­ra­tion ansiedeln will (die RUNDSCHAU
berichtete), schla­gen in Polen die Emo­tio­nen hoch. Gemein­same Recherchen der
pol­nis­chen Tageszeitung “Rzecz­pospoli­ta” und des «Spiegel» kön­nten nun dafür
sor­gen, dass sich von Hagens Pläne in Luft auflösen. 

Die bei­den Medi­en über­führten Ger­hard Liebchen, der für seinen Sohn derzeit
die Geschäfte in Polen führt, als ehe­ma­li­gen SS-Mann. Wie die Recherchen
aus­sagen, soll der heute 88-Jährige während des Zweit­en Weltkrieges im
dama­li­gen Warthe­gau maßge­blich an der Ver­fol­gung von Polen beteiligt gewesen
sein. 

Ger­hard Liebchen wurde 1916 in der Nähe von Kalisz geboren. Wie die
«Rzecz­pospoli­ta» ermit­telte, begann Liebchen schon als Jugendlich­er im
Geheimen mit den Nazis zusam­men­zuar­beit­en, wurde mehrfach von der polnischen
Polizei festgenom­men. Mit 18 Jahren dann leit­ete er eine lokale
paramil­itärische Vere­ini­gung. Nach dem deutschen Über­fall auf Polen, so
ergeben die dem «Spiegel» vor­liegen­den SS-Akten, habe sich Liebchen dann
auch offiziell der NSDAP angeschlossen, sei wenig später zum
Unter­schar­führer aufgestiegen. Zudem sei Liebchen auch im paramilitärischen
Selb­stschutz Posen organ­isiert gewe­sen, der für Racheak­tio­nen an Polen
berüchtigt war. Die «Rzecz­pospoli­ta» zitiert einen Zeitzeu­gen, der Liebchen
dafür ver­ant­wortlich macht, Depor­ta­tion­slis­ten für deutsche
Konzen­tra­tionslager erstellt zu haben. 

In der Gemeinde Zary, zu der Sieni­awa gehört, hat­te man sich angesichts der
hohen Arbeit­slosigkeit Hoff­nun­gen auf 300 Stellen gemacht. Nun rechnet
Gemein­de­vorste­her Jan Dzy­ga kaum mehr mit ein­er Real­isierung des Vorhabens.
Er ver­mutet, dass sich von Hagens nun von dem Pro­jekt zurückziehen werde.

Inforiot